Kultur : KURZ & KRITISCH

Christian Tretbar

POP

Treue

Freunde

Irgendwann ist sich niemand mehr sicher: Kommen die zwei Nerds des Elektro-Rock-Duos Justice wirklich aus Paris? Oder hat sie unser Astronaut Hans Schlegel bei seiner Rückkehr aus dem All einfach direkt ins Berliner Huxley’s geworfen? Eingebettet zwischen Boxentürmen funkeln die Kontrolllämpchen ihrer Gerätschaften, als seien Xavier de Rosnay und Gaspard Auge auf der Kommandobrücke eines Raumschiffs. Von dort schicken sie ihre Gitarrenriffs wie Blitze über die Köpfe des Partyvolks hinweg, prügeln messerscharfe Beats durch den Raum und treiben die Jünger der Post-Rave-Ära von einem Höhepunkt zum nächsten. Was Justice bieten, ist nichts anderes als ein sauiges Hardrock-Konzert mit anderen Mitteln. Eine Mischung aus Großraumdisco und Metallica. Es ist nicht immer so raffiniert und eindringlich wie bei Daft Punk, aber dafür ohne alberne Masken und mit wiedererkennbarer Note. Sie kopieren ihre Landsleute nicht, sondern kreieren eine eigene Symbolik. Wie ein Zeichen des Friedens und der Bedrohung zugleich prangt zwischen den Geräten ein Kreuz, das immer wieder aufleuchtet. Angst muss aber niemand haben, die Justice-Botschaft ist versöhnlich: „We are your friends and you’ll never be alone again“, schallt es aus dem Elektro-Orbit. Die Gefolgschaft skandiert minutenlang mit. Christian Tretbar

KUNST

Brennende

Finger

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer. Goya hat uns das erzählt, in einem berühmten Stich aus seinen Capriccios, und der junge Peruaner Antonio Gonzales Paucar erzählt uns noch einmal neu davon. Auf einer Videoprojektion im Haus am Lützowplatz ist der 1973 geborene Künstler selbst zu sehen. Er wälzt sich im Schlaf. Über ihm malen Unsichtbare bedrohliche Zeichen in die Luft. Graphit bröselt. Finstere Gesichte entstehen aus dem Nichts. Traumkalender aus den Anden heißt der Medienmix des Rebecca-Horn-Schülers (am Lützowplatz 9, bis 2.3., Di-So 11-18 Uhr).

Bei Paucar mischt sich augenzwinkernder Illusionismus mit Schamanentum. Letztlich simpel ist der Trick mit den Graphitzeichnungen, wie Paucars Eröffnungsperformance zeigt: Der Künstler agierte im Inneren einer sechseckigen „Litfasssäule“ und zeichnet mithilfe von starken Magneten abstrakte Linien auf die Außenhaut der Kabine. Der Wabengrundriss kommt nicht von ungefähr. Paucar ist gelernter Imker, der Honig und Wachs in seine Kunst einbringt. Ein Foto und ein Video zeigen ihn mit brennenden Fingern, auf denen fingerdicke Kerzenstumpen sitzen. Wehe, die Fingerspitzen kommen sich zu nah. Kalte Schauer löst dagegen die raumgreifendste Paucar-Installation aus: Mithilfe feiner Bindfäden steigt aus einem Paar Männerschuhe eine Säule aus toten Fliegen auf und weitet sich weiter oben zu einer aus Insektenleibern gebildeten Wolke. Die Seele verflüchtigt sich. Ungeheuer ist der Tod. Jens Hinrichsen

TANZTHEATER

Schwarze

Galle

Eine schwarze Zunge entrollt sich aus dem Munde des Schwermütigen – und ist doch nur eine Krawatte. Schwarze Farbe spritzt auf die weißen Krankenhaus-Kittel der Tänzer, die sich zum Reigen der Melancholiker formieren oder wild aufbäumen. Schwarz bemalt ist zuletzt das Gesicht des holden Knaben (László Sandig), der in dem eingespielten Film wie ein Prinz der Traurigkeit ausschaut. Die Performance Ars Melancholiae von Juan Kruz Diaz de Garaio Esnaola im Radialsystem behauptet die Affinität zwischen Kunst und Melancholie (bis 24.2., jeweils 20 Uhr). Lustvoll leiden dürfen die fünf Performer aber nicht. Und sich auch nicht dem Selbstgenuss einer Tristesse royal hingeben. Stattdessen baumeln sie kopfüber von einem Gestell, kippen von Stühlen, sinken zu Boden und erdulden Gewissenfoltern, weil sie sich – wie Cora Frost – des Massenmords an 300 Kanarienvögeln schuldig gemacht haben. Überdies müssen die Melancholiker obskure medizinische Praktiken über sich ergehen lassen. Eine Anatomie der Melancholie hat der Choreograf nicht im Sinn.

Eher soll die eingetrübte Sicht aller notorischen Schwarzseher wiedergegeben werden. Doch anstatt in einem Meer der Traurigkeit zu versinken, müssen die Akteure über die mit merkwürdigem Mobiliar vollgestellte Bühne wuseln und bemüht körperliche Chiffren für innere Vorgänge produzieren. Ach, könnten sie doch in Ruhe Trübsal blasen! Als Kronzeugen werden dann die Dichter aufgerufen. Doch die Vertonungen der Texte von Shakespeare, Baudelaire und Rilke entfalten nur selten einen Reiz. An seinen Erfolg mit „Vier Elemente – Vier Jahreszeiten“ kann der Baske nicht anknüpfen. Tanz und Gesang stehen sich eher im Weg. Einzig Cora Frost öffnet an diesem Abend Seelenkammern – sie trifft mit ihrer kunstvoll eingedunkelten Stimme ins Schwarze.Sandra Luzina

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben