Kultur : KURZ & KRITISCH

Dorte Eilers

KLASSIK

Ganz

bei sich

Johannes Brahms’ Violinkonzert D-Dur op. 77 ist kein Werk für Angeber. Wer als Solist die große Pose liebt, wird hier eher enttäuscht, denn das Geheimnis dieses Konzerts liegt ganz woanders: in grüblerischer Bescheidenheit und verträumter Selbstbetrachtung. James Ehnes, der Solist an diesem Abend im Konzerthaus Berlin, scheint damit keine Probleme zu haben. In kontrollierter Konzentration ornamentiert er nur das, was das Konzerthausorchester unter Yutaka Sado vorab sowieso schon spielte, gleitet mühelos durch vertrackte Doppelgriff-Passagen und kühne Intervallsprünge. Die ausgedehnte Solokadenz wird so zu einem wundersamen Zwiegesang, in dem die Violine versunken mit ihrer eigenen Vielstimmigkeit zu spielen scheint.

Ein derart inneres Treiben hätte sicherlich auch der Sinfonie Nr. 44 e-Moll von Joseph Haydn ganz gutgetan. Es sind die ersten Einwirkungen des musikalischen Sturm und Drang, die hier erklingen sollten, an diesem Abend jedoch, bis auf den kernigen letzten Satz, wie ein Sommerlüftchen daherkommen. In „Till Eulenspiegels lustige Streiche“ von Richard Strauss indes ist jegliche weihevolle Vorsicht vergessen. Jetzt werden derbe Kalauer erzählt. Und da darf es gerne auch mal ordentlich krachen. Dorte Eilers

ARCHITEKTUR

Ganz

ohne alles

Die Idee von Carlo Baumschlager und Dietmar Eberle nimmt sich schon besonders aus, in Lustenau ihr neues Bürohaus „ohne alles“ zu bauen – ohne Heizung und Klimaanlage. Vorgestellt wird das Projekt im großformatigen Modell zusammen mit anderen neuen Arbeiten der Vorarlberger Architekturstars bei Aedes am Pfefferberg (Christinenstraße 18-19, bis 6. März., Katalog: Architektur, Mensch und Ressource. Baumschlager Eberle 2002-2007, Springer Verlag Wien, 39 €). Einst als Vertreter des Vorarlberger Regionalismus gestartet, die mit Holzschindeln und Beton den Ort ins Zentrum ihrer Gestaltung gestellt haben, sind Baumschlager Eberle inzwischen zur weltweit operierenden Architekturfirma aufgestiegen. Ihr Anliegen ist es dabei, selbst im boomenden Reich der Mitte nachhaltige, energieoptimierte Architektur zu verwirklichen, wie sie das bei ihren schönen New Yorker Hochhäusern vorgemacht haben. Dabei hat sich auch die architektonische Handschrift des Büros in den vergangenen Jahren weiterentwickelt, wie die Glasfassaden aus überlappenden Scheiben zeigen: Mal ganz in Weiß in Winterthur, mal schwarz schimmernd wie bei der Erweiterung des Wiener Flughafens, die im kommenden Jahr fertiggestellt werden soll. Jürgen Tietz

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