Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

KLASSIK

Unerschrockenes

Mädchen

Frühling ist da, mit linden Lüften – wer möchte da schon in Schuberts fahlen Mondnächten wandeln oder Hugo Wolfs Todessehnsucht vernehmen? Auftakt der Sonntagsmatineen mit Daniel Barenboim: Am Flügel auf der Staatsopern-Bühne steht Christine Schäfer und straft die erste Anmutung ihrer schwarzen, üppig gebauschten Tragödinnenrobe schlicht und ergreifend Lügen. Schuberts frühe, an Ausdruck noch reifende Lieder, Debussys „Ariettes oubliées“ und Wolfs Mörike-Vertonungen – mit ihrem perlmuttfarbenen Vibrato, dem innig-verhaltenen Timbre und ihrer hellsichtigen Diktion vertreibt die Sopranistin jegliche Schatten. Christine Schäfer, das himmlische Kind, von Barenboim auf Händen getragen und mit Arpeggien umschmeichelt: Es ist bei aller Sanftheit keine Traumtänzerin, sondern ein unerschrockenes Mädchen, das sich da artikuliert, eine Jeanne d’Arc des Liedgesangs. Mitten im Licht tun sich Abgründe auf, so wie wahre Trauer einen erst bei Sonnenschein vollends zerreißt. Schlafes Schwester: Manchmal erstirbt ihr ein Ton. Man möchte sie eine Meisterin der Implosion nennen, wenn nicht „Meisterin“ viel zu bombastisch klänge angesichts dieser Kleinode der Romantik. „Dein Schimmer ist sanft und erquickend“, heißt es bei Schubert. Und kaum dass man vor lauter Anmut das Ordinäre zu vermissen beginnt, dreht Christine Schäfer auf und bleckt mit den Karussellpferden von Debussys „Chevaux de bois“ plötzlich die Zähne. Eine Lotte Lenya steckt auch in ihr. Christiane Peitz

POP

Musikalischer

Boxer

Mit gediegener Musik für ältere Herrschaften im knallvollen Quasimodo bestreitet die Hamburg Blues Band eine Art Vorprogramm. Bluesrock hätte man früher gesagt. Angenehm dichter Sound, kompakt, ein wenig hausbacken. Statt des langjährigen Leadgitarristen Alex Conti spielt jetzt der Engländer Clem Clempson. Um Mitternacht endlich die Hauptsache. Wieder die Hamburg Blues Band, doch mit anderem Sänger: Chris Farlowe schiebt sich auf die Bühne wie ein großer weißer Wal. Weiße Haare und ein beängstigend weißes Gesicht. Kalkweiß. Aber nein, er tänzelt lebhaft, wie ein musikalischer Boxer, und singt sehr lässig, locker unangestrengt: „Such a long way down“, schafft sich hinein in Shuffle, Boogie, Blues und Soul, jene Songs, die er schon seit unzähligen Jahren im Repertoire hat, denen er aber immer noch neue Seiten abgewinnen und echte Seele einhauchen kann: „Don’t Want To Sing The Blues No More“, „Shaky Ground“, „Stormy Monday“, und schließlich den meisterhaften Small-Faces-Song „All Or Nothing“. Der 67-jährige Londoner, der seine größte Zeit vor über vierzig Jahren hatte, solo, mit den Thunderbirds und später mit Colosseum, ist einer der großen überlebenden Rocksänger, dem zwar nicht der ganz große Durchbruch beschieden war, der aber mit großer Stimme immer noch die kleinen Clubs füllt. H.P. Daniels

ARCHITEKTUR

Mutiger

Bauherr

Es gibt sie noch, die guten Häuser. Einfamilienhäuser am Stadtrand, die ohne den Kitsch grün glasierter Dächer und angepappter Fenstersprossen auskommen. Häuser, die modern sind, ohne ihre Bewohner zu tyrannisieren. 21 außergewöhnliche Häuser in den grünen Randbezirken und Umlandgemeinden Berlins, ein – viel gelobtes – Beispiel aus Leipzig: Mit der Ausstellung „Stadtwohnen – im Grünen“ beschließt die Berliner BDA- Galerie ihre Trilogie zum zeitgemäßen Wohnen in der Stadt (Mommsenstraße 64, bis 6. März, Mo, Di, Do 10-15 Uhr).

Unter den diesmal etwas zu knapp präsentierten Projekten finden sich neben Neubauten auf der grünen Vorstadtwiese sechs Umbauten, darunter zwei behutsame Überarbeitungen von Einfamilienhäusern der Interbau '57 im Hansaviertel. An ihnen wird im Vergleich von Vorher und Nachher besonders deutlich, worauf es Architekten (hauptsächlich Berliner Büros der mittleren Generation, darunter international erfolgreiche wie Barkow Leibinger Architekten) bei Einfamilienhausprojekten heute ankommt: flexible Grundrisse, die Kombination fließender Räume mit intimen Rückzugsbereichen, maßgeschneiderte Lösungen. Dazu überschaubare Baukosten, ökologisch nachhaltige Bauweisen, entspannt moderne Formen. Einen „qualitätvollen baulichen Rahmen, den die Bewohner füllen können, in dem es sich gut wohnen lässt“, wie Tagesspiegel-Autor Jürgen Tietz zur Ausstellungseröffnung betonte. Auch das ist Berlin: Das neue Bürgertum baut. Michael Zajonz

KUNST

Gefasste

Filmerin

Seit einem knappen Jahr lebt Sejla Kameric in Berlin. Sie stammt aus Bosnien-Herzegowina, ihre Kunst speist sich vor allem aus ihren Erlebnissen im belagerten Sarajevo ihrer Jugendjahre. Der 15-minütige Kurzfilm „What do I know“ wurde 2007 auf dem Filmfestival von Venedig gezeigt. Für die daadgalerie entstand eine auf 23 Minuten gestreckte Vier-Kanal-Videoprojektion (Zimmerstraße 90-91, bis 15. März, 11-18 Uhr).

Die nur eben angedeutete Handlung ist im Garten und im Haus von Sejla Kameric’ Großeltern in Sarajewo angesiedelt. Der Ort wirkt wie eine Insel, eine für sich funktionierende Welt. Im Keller ist ein schlichtes Café eingerichtet, in dem eine Akteurin zu tanzen beginnt, nachdem sie sich aus der Umarmung ihres Mannes gelöst hat. Alle sechs Protagonisten werden von Kindern gespielt, die Kleidung der fünfziger Jahre tragen. Ein Wasserhahn tropft, eine Uhr tickt vor sich hin, ansonsten scheint hier die Zeit stehen geblieben zu sein: Erinnerung als (Re­)Konstruktion. Das Grundstück könnte sich irgendwo in Osteuropa befinden, der teils zerstörte Außenputz lässt nicht unbedingt auf Kriegseinwirkung schließen. Trotzdem muss Sejla Kameric mit dem Etikett als bosnische Künstlerin leben. Sie trägt es mit Fassung: „Ich komme nun einmal aus Sarajevo. Das Label sagt mehr über die Leute aus, die es mir verpassen, als über mich.“ Jens Hinrichsen

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