Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Ein Espresso

zuviel

Der Leser solle nicht den Mut verlieren, schrieb ein besorgter Dario Castello 1629 im Vorwort zur Ausgabe seiner „Sonate concertate in stil moderno“: Auch wenn die Stücke anfangs schwer erschienen, würden sich die Schwierigkeiten beim mehrmaligen Spielen verflüchtigen. Heute müsste Castello wohl eine gegenteilige Warnung aussprechen: Zu oft werden die Stücke, die erst am Anfang einer fulminanten Entwicklung der Instrumentalmusik und insbesondere der Sonate stehen, auf die leichte Schulter genommen und in feierlichem halben Tempo lebendig begraben. Umso frappierender, zu hören, wie das Ensemble Il Giardino Armonico im Kammermusiksaal neue Funken sowohl aus Castellos Sonaten als auch aus den Werken seiner unmittelbaren Nachfolger zu schlagen weiß: Hellwach, mit stupender Virtuosität in Tempo und Verzierungen rücken sie den Stücken zu Leibe. Deren zahlreiche Tempo- und Affektwechsel packen nun ihrerseits die Hörer beständig am emotionalen Schlafittchen. Das alles geschieht auf der Grundlage einer umwerfenden Ensemblekultur, in der sich Führungs- und Begleiterrolle im Sekundentakt abwechseln.

Der unwiderstehlichen Mischung aus extremer Differenzierungskunst und extrovertierter echter Italianità kann selbst Ensembleleiter Giovanni Antonini nichts Substanzielles mehr hinzufügen. Als Solist in gleich drei von Vivaldis allzu bekannten Blockflötenkonzerten auf das Podium tretend, setzt er insbesondere die lyrischen Passagen derart unter expressiven Strom, als habe er einen Espresso zu viel getrunken – worunter die Wirkung der kontrastierenden langen Figurationsketten etwas leidet. Kein Grund für das Publikum, am Ende nicht vor Begeisterung von den Sitzen zu springen. Carsten Niemann

DESIGN

Keine Linie

zuwenig

Wenn Form und Funktionalität nach Einheit streben, kann Schönheit entstehen. Schönheit, die dienen will und nicht allein sich selbst genügt. Die Keramik des Bauhauses zeugt von diesem Bemühen, Kunst und Nützlichkeit gemeinsam zu denken. Und offenbart neben aller Solidität eine wunderbar in sich ruhende Sinnlichkeit und Vitalität. Dies zeigt jetzt die Ausstellung Bauhaus-Umfeld – Otto Lindig und die Nachfolge der Bauhaus-Töpferei im Berliner Keramik-Museum (Schustehrusstr. 13, bis 18. August; Sa.–Mo. 13–17 Uhr). Viele der 150 Exponate werden als Leihgabe oder Schenkung aus Privatbesitz zum ersten Mal gezeigt. Darunter sind Teile eines Geschirrs des Dornburger Töpfermeisters Otto Lindig von 1935, das von seinen Besitzern bis heute als Sonntagsgeschirr genutzt wird. Die helle, gräulich-braune Scherbe strahlt einen matten Glanz aus, ein einfaches blaues Ringdekor unterstützt die fließenden Formen, ohne sie zu dominieren.

Die über dreißig Keramikgefäße von Johannes Leßmann aus den zwanziger und vierziger Jahren zeigen, dass der Lindig-Schüler die Schwerpunkte seines Formmeisters weiterführte. Halbtransparente Glasuren, ungleichmäßige Engoben, handliche Trichterknäufe, kleine Lippen, modernistische Tüllen: Die Gebrauchskeramik, die teils auch für die industrielle Produktion gedacht war, verleugnet weder ihren Herstellungsprozess noch ihre Funktion. Weitere Ausstellungsstücke stammen von den Bauhaus-Töpfern Theodor Bogler und Werner Burri sowie von Marguerite Friedlaender-Wildenhain und Grete Heymann-Loebenstein. Deren farbenfrohe Art-Déco-Objekte eignen sich jedoch eher für die Vitrine als für den Sonntagstisch.Eva Kalwa

KUNST

Jeder Tuscheschwung

genau richtig

Aquarell, Ölgemälde und Holzschnitt sind die Techniken, auf denen der Ruhm des Expressionisten Karl Schmitt-Rottluff gründet. Das Brücke-Museum wirft nun neue Blicke auf das Werk seines Gründervaters und lässt eine Technik zu ihrem Recht kommen, der bislang wenig Bedeutung zugemessen wurde, auch wenn sie den Künstler in seinem Schaffen immer begleitete: die Kunst des Pastells, die in der französischen Kunst des 17. Jahrhunderts aufblühte und von den Impressionisten wieder aufgenommen wurde.

Die Ausstellung Ekstase, Rhythmus, Stille (Bussardsteig 9, Mi.–Mo. 11–19 Uhr, bis 18. Mai) zeigt 110 Pastelle aus allen Schaffensperioden, von Postkartenmotiven aus der frühen Brücke-Zeit bis zu großformatigen Ostseemotiven aus den Siebzigern. Viele Bilder sind zum ersten Mal zu sehen. Samtig-matt schimmern die Farben auf Büttenpapier. Der direkte Auftrag der Farbpigmente lässt die Arbeit an Linie und Form besonders deutlich hervortreten. Mit Tusche verstärkt der Maler die Konturen. Hellgrün leuchtend hebt sich die „Lesende Frau“ vom nur angedeuteten Hintergrund ab, über Kragen und Krawatte sind Augen und Mund zu Strichen verengt – höchste Strenge und Konzentration, gefasst in leichten Schraffuren und Tuscheschwüngen.

Malverbot und Materialknappheit ließen Schmidt-Rottluff während der Nazizeit keine andere Wahl, als sich aufs Pastell zu konzentrieren. Kreide und Farbstifte standen fortan immer neben der Staffelei, auch noch, als sich der Künstler schon von der Malerei verabschiedet hatte. Kolja Reichert

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