Kultur : KURZ & KRITISCH

Frederik Hanssen

KLASSIK

Finnische

Finessen

Wer den schlaksigen Finnen zum ersten Mal erlebt, mag befremdet reagieren auf seine exaltierte Körpersprache, auf die Schlangenarme, die tanzenden Füße, das ostentative Abwischen des Stirnschweißes. Wer Olli Mustonen kennt, weiß: Hier geht es darum, Interpreten-Eitelkeit und Selbstdarstellungsdrang abzuschütteln, um sich ganz auf die Musik zu fokussieren. Und, wow, dieser Künstler kann Spannung aufbauen – und sie halten, bis der Zuhörer elektrisiert ist. Bei seinem Berlin-Gastspiel in der Philharmonie mit der Jungen Deutschen Philharmonie und Lothar Zagrosek spielt Mustonen Ravels Klavierkonzert und Strawinskys Capriccio, Meisterwerke der Art-Déco-Avantgarde, die einen Solisten von absoluter stilistischer Sicherheit verlangen. Einen Hexenmeister von lässiger Eleganz, dessen Virtuosität nie hohl wird, weil er strukturell denkt und die Analyse doch verführerisch umzusetzen vermag. Ein Vergnügen mitzuerleben, wie er noch die rasantesten Läufe und Akkordkaskaden plastisch modelliert, Rhythmen meißelt, den Steinway auch mal als Schlaginstrument nutzt, um in den verhaltenen Passagen jeden Ton klug zu gewichten. Mögen Zagrosek und das Orchester mit noch so viel frischem Mut Beethovens achte Sinfonie und Debussys „Iberia“ angehen, das Ereignis des Abends bleibt Olli Mustonen. Frederik Hanssen

POP

New Yorker

Schamanen

Den professionellen Konzertgänger kann wenig erschüttern: alles schon mal dagewesen. Und dann kommen Yeasayer und werfen bei ihrem ersten Berlin-Auftritt im Lido alles über den Haufen. Dabei sind die vier New Yorker keine Ikonoklasten, die dem Formkanon der Popmusik Gewalt antun. Sie nehmen vielmehr lose Fäden auf und verweben sie zu polyphonen Texturen. So entstehen aus disparaten Stilmitteln Songs, die wie musikalische Artefakte eines unentdeckten Stammes klingen. Im Zentrum steht die menschliche Stimme: Chris Keating ist für den gern ins Falsett überschnappenden Melodiegesang zuständig. Mit seinen Kollegen verfällt er in schauriges Schamanengeheul, sonnendurchflutete Hippiechoräle oder ergreifende Kanonpassagen. Drummer Luke Fasano spielt dazu vertrackte Rhythmen, die wie urbane Echos archaischer Buschtrommeln klingen. Ira Wolf Tuton pumpt magenwanderschütternde Notenklumpen aus dem Fretless Bass. Anand Wilder zerzupft Akkorde zu filigranen Klanggirlanden. In Sekundenbruchteilen durchmessen Yeasayer die halbe Popgeschichte: Progrock, Afrobeat, Ambient, No Wave. King Crimson, Fela Kuti, Talking Heads, Bee Gees. Und nehmen alles und schütteln es wie eine Schneekugel: Eine Stunde lang rieseln betörende Flocken herab. Jörg Wunder

0 Kommentare

Neuester Kommentar