Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSiK

Zarte

Angriffslust

Bachs Schöpfungen leuchten in den Klassikbetrieb wie die Sonne und ein ferner Mond zugleich. Noch das kleinste Übungswerk birgt kosmische Dimensionen. Eine Fülle, die allzu irdische Zuhörer auch abschrecken kann. Auf dem CD-Markt boomen Bearbeitungen, die das polyphone Denken Bachs daher sicherheitshalber auf mehrere (Star-)Musiker verteilen. Der musikalische Gehalt wird dadurch nicht verwässert. Einzelne Stimmen bekommen ein Gesicht, und die abstrakte Interaktion der musikalischen Linien gerinnt im Ensemblespiel zum Menschenbild. Finden sich gefeierte Solisten zu einem Spiel mit Bachs Polyphonie zusammen, dann hat das immer auch Bekenntnischarakter.

Janine Jansen braucht da nichts zu fürchten. Seit frühester Jugend ist die niederländische Geigerin eine begeisterte Kammermusikerin, den Berliner Spectrum Concerts ist sie seit zehn Jahren verbunden. Im Kammermusiksaal hat sie bei den für Tasteninstrumente komponierten zwei- und dreistimmigen Inventionen mit Maxim Rysanov (Bratsche) und Torleif Thedéen (Cello) zwei klangfindige Mitstreiter auf dem Podium versammelt. Hier wird nicht romantisch spekuliert (wie etwa bei Mischa Maiskys Goldberg-Trioversion) oder im Dienste historischer Korrektheit jedes Vibrato unterbunden. Fern der Klischees und mit zarter Angriffslust entdecken sie den Zusammenklang im Eigenständigen. Auch auf den einsamen Höhen von Bachs zweiter Solopartita, mit ihrer schon gewalttätig reichen Ciaccona als Gipfel, wird es Janine Jansen nicht klamm. Ehrfurcht muss überhaupt nicht spröde sein. Ulrich Amling

KLASSiK

Grelle

Farben

Christoph von Dohnányi ist eine Figur des Musiklebens, deren Größe unbestritten, aber im realen Moment schwer zu fassen ist. Wer zählt die Ämter, die er innegehabt hat, darunter die Intendanz der Hamburger Oper. Sein Debüt bei den Berliner Philharmonikern liegt 50 Jahre zurück, die letzte Begegnung aber fast acht Jahre. Nun kehrt er wieder, um ein Werk von Harrison Birtwistle vorzustellen, das sich einem Auftrag des Cleveland Orchestra unter seinem damaligen Chefdirigenten Dohnányi verdankt: „The Shadow of Night“ (2001). Das Stück, bezogen auf Dürers „Melencolia I“ und ein Lied von Dowland, formuliert einen melancholischen Zustand aus, wie er mit grellen Farbmischungen im Bereich britischer Musik schon Schmerzgrenzen erreicht. Dankenswert, dass der Dirigent die Partitur dieser seltsamen Inselpolyphonie in der Philharmonie aufgeschlagen hat. Der Komponist wird freundlich gefeiert.

Nicht zu sehr brillant, eher in Richtung dessen, was Ernst Bloch „Unternehmerschwung“ nennt, dirigiert Dohnányi „Ein Heldenleben“ von Strauss. Er scheint mit dem Helden ein Herz und eine Seele zu sein. Krasser Schlachtenlärm, die „Widersacher“ blendend gespielt, im Sound vereinnahmt. Fragen an das Stück stellt nur das Violinsolo Guy Braunsteins, weil es Klangschönheit mit interpretatorischem Eigensinn verbindet. Sybill Mahlke

ROCK

Niedere

Instinkte

Auch wenn Lenny Kravitz auf seiner vorletzten Platte ruhmesmüde „I don‘t wanna be a Star“ sang, ist er immer noch einer: Die Columbiahalle ist rappelvoll. Warum? Nun, der 43-Jährige sieht in seinem knappen Lederjäckchen sehr knackig aus, auch wenn er die „Ausziehen!“-Rufe von Vertretern beiderlei Geschlechts ignoriert. Zudem blickt er auf eine respektable Ansammlung von Hits zurück. Vom frühen „Mr. Cab Driver“ zieht sich die Perlenkette bis zur aktuellen Single „I’ll be waiting“, die live zur zehminütigen Materialschlacht gerät, in der sich Lenny und sein pudelhaariger Gitarrenhelfer Craig Ross gegenseitig in Machoposen überbieten. Spannend wird das trotz Höhen („Fly away“) und Tiefen (das lieblos gebratzte „American Woman“) allzu routinierte Programm, als Lenny die Erwartungen unterläuft.

Er beendet das Set nach 90 Minuten mit einer schier endlosen Version von „Let Love rule“, die fragende Gesichter hinterlässt: Free-Jazz-Exkursionen der dreiköpfigen Brass-Sektion, ein weiteres Ich-wär-gern-Jim- my-Page-Solo von Ross und der ausnahmsweise nicht an niedere Mitklatschinstinkte appellierende Refrain sind nicht das, was die Masse hören will. Da kann auch die bejubelte Schlagzeugeinlage des Meisters wenig retten. Die Zugabe versöhnt wieder: Als peitschende Powerrock-Dröhnung reißt „Are you gonna go my Way“ noch mal alle Arme hoch. Zum Abschied schüttelt Lenny eifrig Hände in den ersten Reihen. Einmal ein Star, immer ein Star. Jörg Wunder

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