Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Tewinkel

KLASSIK

Besser

planen

Einige Wünsche lässt der Abend in der Komischen Oper schon offen. Dem Orchester des Hauses unter Alessandro de Marchi wünscht man zum Beispiel, nicht nur Haydns Ouvertüre zu „L’isola disabitata“ ausgezeichnet interpretieren zu dürfen, mit einer Ruhe, die aufhorchen und an die slow-food-Bewegung denken lässt. Und nicht allein die Sinfonie Nr. 104, deren Eingangsklänge bedächtig tönen, tief und klagend. Auch hörte man gern mehr von jenen Affektwechseln, bei denen, wie im Andante, fürchterliche Ausbrüche von Passagen naiver Gutwilligkeit zugedeckelt werden. Aber nun gibt es an diesem reinen Haydn-Abend eben nicht nur Orchesterwerke. Der fabelhaften Mezzosopranistin Stella Doufexis wiederum wünscht man ein Stück mit schickeren Melodien als die Kantate „Arianna a Naxos“. Und Konzertmeister Gabriel Adorján, der in der Sinfonia concertante Geige spielt, möchte man ein Violinkonzert spätromantischen Zuschnitts schenken, damit er bedient ist und nicht gar so eigenmächtig auftreten muss, unentschieden zwischen dem Spiel nach hinten, der Geigengruppe des Berufsalltags, und dem Anliegen, nach vorn recht musikantisch daherzufiedeln. Adorján vergisst ganz, Miriam Kahl-Wrieden (Oboe) Raum zu geben; man sieht sie mehr als man sie hört. Und auch Kleif Carnarius (Violoncello) und Reinhard Bastian (Fagott) vermögen es dann trotz allen Einsatzes nicht mehr, dem wüsten Miteinander aus Solistenunwesen und orchestralem SOS Richtung zu geben. Christiane Tewinkel

LIEDERABEND

Schöner

singen

Erst bei den dramatischen Bewegungen in Franz Liszts Liedern kommt die Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager einigermaßen in Schwung. In den opernhaftdirekten Ausbrüchen kann sie mit dickerem Pinsel malen als bei MendelssohnBartholdys intimen Liedern. Dessen Eichendorff-Vertonungen schleppen sich mühsam über die Runden. Der Text bleibt weitgehend unverständlich, die Gestaltung erstaunlich unsouverän. Dieser Eindruck verstärkt sich im Laufe des Abends in der schütter besetzten Deutschen Oper durch den Umgang mit Dvoraks „Liebesliedern“ und den „Zigeunerliedern“ von Brahms. Der famose Pianist Helmut Deutsch breitet zwar kuschelige Klangteppiche aus, auf denen Kirchschlager sich übervorsichtig bewegt. Die melancholisch umflorten Lieder Dvoraks gelingen noch am besten, doch auch hier schleicht sich ein gediegener Allzwecktonfall ein. Die Stimmungen bleiben im Ungefähren, konturlos dargeboten erwecken auch die balladesken Schauergeschichten kein tieferes Interesse. Eine Kommunikation mit dem Publikum findet kaum statt, zu sehr muss Kirchschlager sich auf sich selbst und ihre offenbar leicht belegten Stimmbänder konzentrieren. Auf die Frage, was ein junger Sänger unbedingt lernen müsse, pflegt der Bariton Franz Grundheber zu antworten: absagen! Mit diesem Abend hat Angelika Kirchschlager sich keinen Gefallen getan. Uwe Friedrich

BUCHVORSTELLUNG

Feiner

leben

Drogen sind verwerflich, schlecht für die Gesundheit und im Arbeitsleben oft kontraproduktiv, heißt es. Eine ganz andere Geschichte erzählt Hans-Christian Dany, Autor von „Speed, Eine Gesellschaft auf Droge“ (Edition Nautilus) in der Buchhandlung Pro qm in Mitte. Die Kulturgeschichte von Amphetaminen stehe (Überraschung!) im Kontext gesellschaftlicher Konjunkturen. Als pharmazeutisch gestützte Beschleuniger und momentane Verfeinerer des Lebens – dabei erheblich billiger als Kokain – oder als massenhafte Angsthemmer und Leistungssteigerer von Hitlers willigen Soldaten: Dany überblickt die Historie des Amphetamin-Gebrauchs als Pendelbewegung zwischen staatlich gefördertem Einsatz und Regulationsinteresse sowie privatwirtschaftlichem Gewinnstreben und zum Fetisch aufgeladenem Künstler-Gestus. Aus kippeliger Position, auf ein Regal und seitlich neben dem Mikrofon platziert, berichtet der Kurator und Künstler von seinen Erkenntnissen, liest Schnurren über Elvis Presley und Judy Garland auf Speed, überblickt den seltsamen Drogenkrieg der USA. Alles eigentümlich leichtgewichtig: Quellenverweise und tiefere Recherche hat Dany nicht zu bieten, auch von einer Hypothese erfahren wir nichts – das Werk ist eine nett zu lesende Sammlung von Anekdoten. Als bräuchte es noch eine Pointe, lautet die einzige Frage aus dem prallvollen Zuschauerraum: Wie wirkt’s? Lennart Laberenz

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