Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

ROCK

Der Faden

reißt

Eine der besten Stimmen aus den USA ist seit über 30 Jahren die von Willy DeVille. Große Freude, ihn nach Jahren wieder ohne Gehstock und Schmerzen nach erfolgreicher Hüftoperation frei auf die Bühne der proppenvollen Columbiahalle laufen zu sehen. Wie er im roten Piratenmantel und öliger Pompadourfrisur ans Mikrofon schnöselt, elegant dramatisch die Arme hebt und den einzigartigen DeVille-Gesang anstimmt, einen Song vom neuen Album „Pistola“: „So So Real“. Weil er so echt ist, so aufrichtig in seiner Leidenschaft für den Rock’n’ Roll, Soul, Blues, Texmex, wird Willy von den Fans geliebt. Und singt sich auch heute wieder voller Seele durch sein Oeuvre: „Spanish Stroll“, in das er eine paar schwere elektrische Akkorde auf der Les Paul hämmert, „Chieva Chieva“, in das er metallisches Kreischen einer Harmonika zerrt, den wilden Shouter, der im schmutzigen R&B-Schlick seiner Mitmusiker watet: "Beacon Fat" und den messerscharfen frühen New-York-Straßen-Sound: „Venus Of Avenue D“. Aber was ist das? Willy bricht ab, tauscht Akustik- gegen E-Gitarre, fängt an, bricht ab, fängt wieder an. Der kompakte Bandsound beginnt zu bröckeln, das Konzert zu kippen. Hat da schlagartig der Effekt einer unguten Droge eingesetzt? Ein lustloses „Italian Shoes“, in „Hey Joe“ bricht das Timing auseinander, der scharfe Biss von „Cadillac Walk“ degeneriert zu lahmem Zähnegeklapper. Erst zur Zugabe fängt sich Willy DeVille, bricht aber wieder ab, beschimpft seinen Pianisten, setzt noch mal an und singt ausdrucksloser als vorher. Ach, hätte der Auftritt 40 Minuten früher geendet, was für ein Triumph wäre er gewesen. H.P. Daniels

KUNST

Die Probe

lockt

Verlockend die Colliers, Hutnadeln und Schmuckkämme: In den Augen so mancher Besucherin im Bröhan-Museum spiegelt sich das Verlangen, dies oder jenes Geschmeide anzuprobieren. Doch Vitrinenglas schützt den Jugendstil-Schmuck aus Pforzheim, gut 180 Stücke aus jenen Manufakturen, die um 1900 den Ruhm der „Goldstadt“ im Schwarzwald mehrten (Schloßstr. 1, bis 4.5., Di-So 10-18 Uhr).

Von 62 000 Einwohnern Pforzheims im Jahr 1908/09 waren etwa 30 000 Menschen in der Schmuckproduktion beschäftigt. Aus den damals wichtigsten Firmen Zerrenner, Mayer und Fahrner stammen die meisten Exponate der Ausstellung. Klein, aber fein: Eine winzige Silbernixe aus Theodor Fahrners Produktion verbiegt ihren Fischleib zur eleganten Brosche. Herausragend die vielfältigen Schmuck-Kreationen von Georg Kleemann (1836-1932), der sich auch als Professor der Pforzheimer Kunstgewerbeschule für den Jugendstil starkmachte – etwa eine Goldbrosche in Schmetterlingsgestalt, von der Türkise und Amethyste herabtropfen wie Morgentau. Bemerkenswert auch ein Beitrag des Beutschen Technikmuseums Berlin, der detailliert über das Gießen, Prägen, Stanzen und Emaillieren der Materialien informiert.Jens Hinrichsen

POP

Die Mucke

fetzt

Donnerwetter, sind die gut geworden. Vor ein paar Jahren waren Die Türen drei Neu-Berliner, deren Chaospop dilettantischen Charme hatte. Verstärkt durch Ex-Blumfeld-Keyboarder Michael Mühlhaus und Markus Spin am Schlagzeug, agieren sie im Festsaal Kreuzberg frappierend souverän, ohne die schräge Chemie ihrer anarchischen Ohrwürmer durch Muckerroutine zu ruinieren. Sänger Maurice Summen, optisch an den jungen Hape Kerkeling erinnernd, ist ein begnadeter Bühnenkasper, macht den Robot Dance und wirft sich in Karaokeposen. Dazu stiert er manisch ins Publikum und bezeugt subtilen Humor, wenn er das von Systemkritik triefende „Everybody's Darlehen“ als „Ode an die Kreditwirtschaft“ oder eckigen Dada-Pop als „Hommage an Beatles und Klaus & Klaus“ ankündigt. Die Band dankt es ihm mit hingebungsvoller Interpretation des großartigen Songmaterials: Stücke wie „Indie Stadt“ oder „Ehrliche Arbeit“, die in ihrer delikaten Balance aus Northern-Soul-Euphorie, NDW- und Britpop-Referenzen und genuiner DieTüren-Seltsamkeit internationale Hits sein sollten, werden auf der Bühne noch einmal bereichert: ein Mühlhaus-Solo auf seinem „Streberinstrument“ hier, ein fantastischer Reggae-goes-Rock'n'Roll-Jam mit Bo-Diddley-Zitat dort. Nach 100 begeisternden Minuten darf man Die Türen getrost für eine der besten neuen deutschen Bands der Gegenwart halten. Jörg Wunder

KABARETT

Das Witzeln

lahmt

Auf einer Party hätten Gäste wohl bald genug von einem zwar sympathischen Schwätzer, der sein Gegenüber mit der wiederholten Selbstbespiegelungsformel „Also ich bin ja ein…" festzunageln sucht. Steht aber Hennes Bender auf der Bühne, ergibt sich erstaunlicherweise ein ganz anderes Bild: Die Zuhörer quittieren jede halbgare Pointe, die oft auch noch in der missionarischen Pose eines Besser-Menschen serviert wird („Wir haben sehr sehr viele Probleme in Deutschland"), mit Lachsalven und Schenkelklopfen. Richtig Spaß macht der gerade 40 gewordene Bender in seinem neuen Programm Egal gibt's nicht im Quatsch Comedy Club (bis Mittwoch, 20 Uhr) nur, wenn er imitiert. Angefangen von Winnie the Poohs ängstlichem Freund Ferkel über Spongebob bis hin zum sächselnden Gert Fröbe zeigt er als Stimmenimitator viel Talent. Auch im Kölschen oder Hessischen ist er firm und im Ruhrdeutschen als Bochumer sowieso: „Tu ma dat Mäh ei“, sagt dort im Zoo ein Opa zu seinem Enkel. Dass er vor allem netter Kumpel sein will, beweist Bender, indem er häufig den Dialog mit dem Publikum sucht. Ansonsten ergötzt er sich unter anderem an der Uralt-Floskel „Es war mir ein innerer Reichsparteitag“, welche er als Modewort registriert sehen will – und an Grönemeyers Liedzeile „Stuhl im Orbit“, die er neben weiteren ähnlichen Äußerungen in all ihren fäkalen Konnotationen durchdekliniert. Nach zweieinhalb Stunden ist die Party vorbei. Endlich. Eva Kalwa

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