Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Pollmann

KLASSIK

Streckenweise

wunderbar

Dreimal klassische Moderne präsentiert Ingo Metzmacher mit dem Deutschen Symphonie-Orchester in der Philharmonie. Am verstörendsten wirkt gleich zu Beginn das Orchestral Set Nr. 2 von Charles Ives. Was dieses Stück schon in der delikat gespielten zarten Eingangselegie, vor allem aber in den folgenden aberwitzigen Verschachtelungen von Volksliedern, Militärmusiken und Hymnen zu bieten hat, wirkt immer noch frischer als so manche artige Avantgarde junger Komponisten. Und der brutal hereinbrechende Marsch zum Schluss schwankt virtuos zwischen Ironie und Apokalypse. Schon viel vertrauter erscheint da Strawinskys „Sacre du printemps“, der streckenweise wunderbar gelingt. Im Tanz der Erde sträuben sich vor elektrisierender Klangfinesse die Nackenhaare, der kantige Opfertanz zum Schluss gerät irritierend knöchern, entlässt die Hörer fahl und fremd.

Dagegen will Ravels Klavierkonzert G-Dur leider nicht so recht zünden, die elegant-kühle Nonchalance des Stücks entfaltet sich nicht schlüssig. Woran wohl Hélène Grimaud als Solistin den Hauptanteil hat. Mit Temperament und zupackendem Spiel ist Ravel nicht beizukommen. Das Neue und Faszinierende in seiner Musik zeigt sich erst im souveränen Geschehenlassen. Wer den fast infantil-schlichten, dann in bizarrste Klänge abtauchenden zweiten Satz im letzten Jahr in der Philharmonie mit Pierre-Laurent Aimard erlebt hat, wird dem sentimental-expressiven Gestus, den die Grimaud hier bemüht, wenig abgewinnen können. Ulrich Pollmann

KABARETT

Streckenweise

gestrig

Als Gabi Decker ihr Dasein als „praktizierender Single“ mit einer Kontaktanzeige beenden will, trifft sie auf „die ganze bunte Palette mutierter Y-Chromosome“. Die „Deckerdence“ ihres neuen Programms, das im Tipi am Kanzleramt (bis 16. März) zu sehen ist, speist sich hauptsächlich aus dem verächtlichen Blick, mit dem Decker Männer am liebsten bis auf die Unterhose auszieht. Dabei lähmen Zotendichte und vorgestrige Geschlechter-Stereotype bei so manchem Zuhörer die Lachmuskulatur. Auch andere Populismen reiht Decker aneinander, ohne sie hinreichend zu brechen: Da ist Mehmet, dessen Brüder in der JVA sitzen und der gerne Werbung sieht, der Russe Boris, der „mit Frischfleisch“ handelt, Ludmilla die „Taiga-Trulla“ und eine Thailänderin, die zwar kein Deutsch, dafür aber „dingdong“ in allen Sprachen spricht. Viel besser gefallen die Coversongs, die Decker „fast live“ mit dem von ihr auf einer Leinwand gedoubelten Stevie Wonder oder Elton John präsentiert. Und bei der Parodie von Tina Turners „Simply the best“ lösen sich sogar die Lachmuskeln. Eva Kalwa

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