Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Hagedorn

KLASSIK

Wucht

und Wut

Ist zu viel los in Berlin, wenn ein nicht nur renommiertes, sondern exzeptionelles Streichquartett einen kleinen Saal wie den im Konzerthaus nicht mal halb voll bekommt? Oder bleiben Streichquartette etwas für Insider mit dem Durchschnittsalter 60? Das Publikum des Zehetmair Quartetts lauscht jedenfalls mit eben der Intensität, mit der die vier Musiker spielen – auswendig, was Schubert und Schumann angeht. Diese Gedächtnisleistung beeindruckt einen zuerst beinah auf Kosten der Musik, dann aber kann sich die Partitur restlos in die vier Menschen verwandeln, die da einander gegenübersitzen: Geiger Thomas Zehetmair und Bratscherin Ruth Killius, Cellistin Ursula Smith und der zweite Geiger Robert Olisa Nzekwu.

Dass der für einen Kollegen eingesprungen ist, merkt man zunächst kaum – Schuberts Streichquartett Es-Dur Op. 125 Nr. 1 wird zum Konzentrat zwischen Expression und Abstraktion, ganz lebende Struktur. Schumanns Streichquartett A-Dur op.41 Nr. 3 wirkt dagegen oft als Trio plus Geige, so zurückhaltend agiert Nzekwu – und dennoch steigert sich das Variationen-Scherzo zu existentieller Wucht, ja Wut.

Eingedenk solcher Extreme komponiert Heinz Holliger. Sein Streichquartett Nr. 2 haben die Zehetmairs gerade erst uraufgeführt; jahrzehntelang hatte er sich nicht mehr an diese Besetzung gewagt: „Man schreibt unter den kritischen Blicken der größten Komponisten.“ Doch gerade darum findet er hoch reflektiert zu zweiter Unmittelbarkeit. Homorhythmische Gestik, dichtes Reagieren – ein Pizzicato kann da geradezu ansteckend um sich greifen. Dazwischen entstehen graphische Flächen, transparente Schichtungen, Aggregatzustände, ferne Verweise: der Epilog um Celans Worte „singbarer Rest“, in dem die Instrumentalisten summen, erinnert an Schönbergs Verbindung von Streichern und Stimme in dessen zweitem Streichquartett – und an die Luft noch fernerer Planeten, als sie vor 100 Jahren denkbar waren.

Beruhigend, dass wenigstens dafür noch Noten und Notenständer gebraucht werden... Volker Hagedorn

ROCK

Bass

und Busen

Mark Eitzel, dem Sänger von American Music Club, ist das spätwinterliche Berlin spürbar aufs Gemüt geschlagen. Er sei den ganzen Tag durch die Stadt gelaufen und hätte gedacht: „They’re gonna hate us“. Zum Zeitpunkt dieses Bekenntnisses ahnt er wohl, dass das Gegenteil der Fall ist: Der Columbia Club ist zwar nur spärlich besucht, aber die Anwesenden haben den kauzigen Kalifornier und seine drei Begleiter längst ins Herz geschlossen. Knapp anderthalb Stunden leistet die Band Großes, wirft mit störrisch lärmenden Gitarrenbrocken um sich und lässt schwerelosen Countryfolk aufsteigen.

Der alte Haudegen Mark Pankler, hauptberuflich Busfahrer in L.A., raspelt stoisch wie ein Wurzelholzschnitzer minimalistische Riffschraffuren auf seiner Steeltop-Guitar, Sean Hoffman und Steve Didelot sorgen für die aufmerksame Rhythmusarbeit an Bass und Schlagzeug. Und Mark Eitzel singt mit warmer, brummiger Stimme so inbrünstig den Soul des weißen Mannes, dass es ihn manchmal buchstäblich von den Beinen zu reißen scheint.

Dabei umweht ihn ein seltsamer Fatalismus, seine Songkommentare haben die Heiterkeit von Beerdigungsreden. Einmal lädt er dazu ein, sich die Klamotten vom Leib zu reißen und auf die Bühne zu kommen. Tatsächlich entledigt sich eine junge Frau rasch ihrer Oberbekleidung und legt mit der Band ein bejubeltes Tänzchen aufs Parkett. Da muss sogar der traurige Held übers ganze Gesicht grinsen. Wir lieben dich doch alle, Mark!Jörg Wunder

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