Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Tewinkel

KLASSIK

Maybach

fahren

Wenn Klaviere Autos wären, wäre der Steinway-Flügel, auf dem Leif Ove Andsnes im Kammermusiksaal der Philharmonie spielt, eine Maybach-Limousine: satt, ja brünftig im Auftreten, klanglich dunkelblau und bis zum Gehtnichtmehr überzüchtet. Andsnes beginnt den Abend, der sich durchweg am Reihenprinzip und der Form der Fantasie delektieren wird, mit Bachs Toccata e-Moll BWV 914. Und herrlich tönt dieser Bach, wie auf einer Art Orgelklavier gespielt, hallig vor lauter Eingangsakkordik, danach wunderbar durchgehört und durchhörbar, mit einer Polyfonie wie für den Schulgebrauch. Es ist jedoch eine sonderbare, unwirkliche Musik, die Andsnes klingen lässt.

Die Errungenschaften modernen Klavierbaus und die Spieltechnik des zeitgenössischen Virtuosen verdecken die Charakteristika einer Epoche, die weder das eine noch das andere kannte. Kreativ und mutig, so auf Bach loszugehen – wohlklingend allemal. Mit Beethovens Fantasie-Sonate Nr. 27,1 bleibt Andsnes dem Prinzip des Schöntönenden, Immeranderen treu, doch fällt die Adagio-Passage der Fetischisierung des Klanglichen zum Opfer. Nur Kitsch wird sein, was hier noch tönt. Griegs Ballade op. 24 bietet dann einen letzten Anker in Leben und Lebendigkeit, bevor das Konzert zu einem Spektakel des Verschwindens wird. Denn die letzte Reihung in Reinform an diesem Abend, seine Auswahl Debussyscher Präludien, spielt Andsnes gleichsam entfärbt, er verzichtet auf mysteriöse Schatten und nimmt Spannungsverluste in Kauf.Christiane Tewinkel

THEATER

Hunde

schwimmen

Ein unvermittelter Sprung in die nächtliche Seine, und die beiden schwatzhaften Männer, nennen wir sie Jules und Jim, sind endlich still. Die schöne junge Frau schwimmt in einer hinreißenden Pantomime Hund. Sie lässt sich Zeit: Rettung brauchen immer die anderen. „Wenn man mich lieben will, dann muss man auf jede andere Beschäftigung verzichten“, wird sie später sagen. Da ist der schöne, abgründige Tanz um Liebe und Freiheit der Cathérine alias Helen fast vorbei. 90 köstliche Minuten umkreist Tilla Krachtowil in Die Frau von Jules und Jim im Theater unterm Dach (7. bis 9. März, 20 Uhr) die berühmte Ménage à trois mit Leichtigkeit und zärtlicher Ironie. Auf mehreren Zeit- und Identitätsebenen stellen Krachtowil und Regisseur Stephan Thiel die Frage nach dem besseren Leben im Film und der Begrenztheit aller realen Existenz.

Der Soloabend basiert auf Truffauts Film, der autobiografisch inspirierten Romanvorlage von Henri-Pierre Roché alias Jules und dem 1993 erschienen Tatsachenbericht „Gesprungene Liebe“ von Manfred Flügge. Mit flotter Spielleidenschaft und komödiantischem Ernst begibt sich Krachtowil auf die Suche nach – nicht der Wahrheit, sondern des Authentischen in der Fiktion. Wo hört das eine auf und fängt das andere an? Der Abend gibt keine Antwort, zum Glück. Nur ein letztes Versprechen: „Und jetzt bringe ich euch Schwimmen bei.“Eva Kalwa

KUNST

Geschichten

belichten

Da sitzt er auf einem Klappstuhl, inmitten lachender Demonstranten, eine Zigarette in der Hand: Heinrich Böll, 1983 in Mutlangen, bei der Demo gegen die Stationierung von Mittelstreckenraketen. Fotografiert von Barbara Klemm. Oder hier: Leonid Breschnew 1973 in Bonn, umringt von aufgeregt diskutierenden Anzugträgern. Zwei Fotografien, zwei Mal politische Zeitgeschichte. Die Bilder aus der Kunstsammlung des Deutschen Bundestags, sind nun im Kunstraum vom Marie- Elisabeth-Lüders-Haus zu sehen.

Erstmalig werden hier Fotografien aus der seit 1969 bestehenden Sammlung öffentlich präsentiert. Von Kunst und Politik lautet der Titel der Ausstellung (bis 12. Mai). Sie zeigt, wie und wo sich Politik und Kunst – insbesondere Fotografie – begegnen und aneinander reiben. Die Französin Sophie Calle fotografierte Orte in Berlin, von denen Symbole der DDR-Geschichte entfernt wurden und kommentiert dabei den Umgang mit deutscher Geschichte. Auch Sibylle Bergemanns Dokumentation über den Bau des Marx-Engels-Denkmals zwischen 1975 und 1986 ist ausgestellt. Die Bilder dürfen von den Abgeordneten ausgeliehen und im Arbeitszimmer aufgehängt werden. Da wäre ein Vermerk interessant: Welches Foto hing zuletzt bei wem an der Wand? Katja Reimann

KLASSIK

Verkehr

regeln

Seltsame Idee der Berliner Philharmoniker, ein Konzertprogramm auf zwei Dirigentinnen aufzuteilen. Ist der Abend in der Philharmonie etwa ein Testlauf, um Aspirantinnen zu prüfen? Sollte das so sein, dürfte die Finnin Susanna Mälkki kaum Chancen auf eine Wiedereinladung haben. Der Chefin des Pariser Ensemble Intercontemporain sind die Orchesterwerke Anton Weberns zugefallen, die nicht in Simon Rattles Beethoven-Webern-Zyklus passten.

Doch im Vergleich zu dessen wohltönender Klangrede belässt es Mälkki beim Organisieren: Schon das nachromantische Idyll „Im Sommerwind“ bleibt atmosphärefrei und klingt wie angedickter Richard Strauss. Auch die verknappten Tonsignale von Weberns Reifestil ruft Mälkki mit Verkehrspolizistinnengesten ab. So gespielt bestätigt die Musik der zweiten Wiener Schule tatsächlich die Vorurteile des Publikums. Fraglich bleibt aber, ob die Philharmoniker auf ein engagierteres Dirigat reagiert hätten. Denn auch von der temperamentvollen Körpersprache, mit denen ihnen nach der Pause Emmmanuelle Haim die barocken Affekte von Händels „Cäcilienode“ signalisiert, zeigen sich die Musiker unbeeindruckt. Schade, denn die Frau hat was zu sagen, nur gegen eine indisponierte Sopranistin (Camilla Tilling), einen matten Tenor (Paul Agnew) und einen strapaziert klingenden Rundfunkchor kommt sie einfach nicht an. Jörg Königsdorf

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben