Kultur : KURZ & KRITISCH

H. P. Daniels

PERFORMANCE

Finnische

Götterfunken

Es ist schwer, die Kunst des M. A. Numminen zu erklären. Nicht einmal, wer ihn zu kennen glaubt, weiß was ihn erwartet. Konzert, Lesung, Kinderprogramm im Hasenkostüm? Tango, Techno, Punk, Volkslied, Vortrag, Philosophie? Auf jeden Fall eine charmante finnische Mischung aus Melancholie, Kauzigkeit und bizarrem Humor. Jetzt hat er Musik geschrieben zu zwölf Heine-Gedichten und auf CD veröffentlicht. Sieben davon singt er im ausverkauften Maschinenhaus. Sehr schön, sehr schräg mit krähender Stimmbruchstimme. Numminen spielt Schlagzeug mit Jazzbesen auf einem Pizzakarton, tanzt ein Äquivalent zu Monty Pythons „Silly Walk“ und erweist mit alldem Heines Texten höchste Ehre.

Schon 1966 hatte der heute 68-jährige Numminen für sein damaliges „Rock-Orrkäästarr“ Teile von Ludwig Wittgensteins Werk „Tractatus logico-philosophicus“ vertont. Was bei der Uraufführung eine „Katastrrophä“ war, wurde 22 Jahre später auf einem Philosophenkongress begeistert gefeiert. Auch heute, in der sparsam arrangierten Version, erweist sich die wundersame Wittgenstein-Interpretation Numminens zu den auf eine Leinwand projizierten Texten als großes Vergnügen. Und als Zugabe noch ein Lied, das „Sie allä kännän!“: Chuck Berrys „Route 66“, gesungen zur Melodie von Beethovens „Freude, schöner Götterfunken“. H. P. Daniels

KLASSIK

Aller guten Dinge

sind drei

In Form eines „pas de trois“ schrieb Bernd Alois Zimmermann sein Cellokonzert – eine tänzerische Form, die dem 1965 entstandenen Werk staunenswerte Vielfalt sichert. Die Kugelgestalt der Zeit in ihren drei Ausprägungen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erhält – etwa als Jazzzitat oder unter Einbeziehung von Barockinstrumenten ins seriell organisierte Geschehen – ebenso ihre Bühne wie die Dreiheit wechselnder Akteure: Tanja Tetzlaff ist der hell klagende und wimmernde, in dunkler Aggressivität virtuos ausbrechende Solopart anvertraut; Lothar Zagrosek schlägt aus dem reich besetzten Instrumentarium des Konzerthausorchesters blitzende Funken; ein „Concertino“ sorgt mit exotischer Glasharfe, Zymbal und Celesta für luzide Klangverbindungen. Sie alle dürfen in die musikalischen Gewänder von Don Quichote, drei Paladinen oder drei weißen Schwänen schlüpfen – der Assoziationsraum dieser Musik ist grenzenlos. Sie vermag in der fantasievollen Pluralität dieser packenden Interpretation das Publikum im voll besetzten Konzerthaus zu Beifallsstürmen hinzureißen.

Zum glücklichen „pas de trois“ fügt sich das ganze Programm: neben Zimmermann reichen sich Schubert und Bruckner die Hand, verbunden durch einen melodischen Atem und einen Sinn für Rhythmisch-Fragmentarisches, der bis in die Zukunft der minimal music weist. Schuberts D-Dur-Sinfonie bringt Zagrosek als doppelbödig pointierte Lieblichkeit, transparent bis zur ekstatisch wirbelnden Final-Tarantella. Bei Bruckners „Sechsten“ ist dann die Katastrophe der Demontage mächtiger Klanggebirge zu erleben – atemberaubend. Isabel Herzfeld

ROCK

Bekokste

Raubkatzen

Okay, ist gut, ihr habt gewonnen. Bei der Reizüberflutung, die The Dillinger Escape Plan im ausverkauften Kato entfachen, denkt der Kritiker bald nur noch an Kapitulation. Analytisch ist diesem Wahnsinn einfach nicht beizukommen. Wie Maschinengewehrsalven prasseln die Double- Base-Wirbel von Drummer Gil Sharone und die Überschallriffs der Gitarristen hernieder und wechseln dabei alle gefühlte Zehntelsekunde die Richtung. Plötzlich, furchteinflößend, wie eine wild gewordene Müllpresse, das Hauptriff von „43% Burnt“. Dann wieder nach Luft japsende Licks, wie bekokste Raubkatzen auf der Jagd nach dem eigenen Schwanz. Zu allem Überfluss schleudern LED-Scheinwerfer ein derart hochfrequentes Blitzgewitter in den Saal, dass kaum zu erkennen ist, welche der tobenden Leiber auf der Bühne zur Band gehören und welche gerade zum Sprung in die Menge ansetzen. Mathcore nennen Freunde harter Musik den Stil der Band aus New Jersey. Zugrunde liegt ihm die alte Frage des Free Jazz: Wie weit können wir gehen? Weiter als alle, sagen Dillinger. Um so witziger die Momente, wenn gemeinsam mitgeklatscht wird. Weil’s halt einfach nicht geht. Kolja Reichert

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