Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Zu schade

für die Dudelhölle

Gut, dass sie sich vor 38 Jahren nicht Earth, Wind, Fire & Water genannt haben. Sonst könnten sich Philip Bailey, Verdine White und Ralph Johnson, die drei verbliebenen Gründungsmitglieder von Earth, Wind & Fire, nicht als „Elements of the Universe“ feiern lassen. Die Altersstruktur des Publikums in der Arena ist gemischter, als man es bei einer Band erwarten würde, deren Glanzzeit drei Jahrzehnte zurückliegt. Anders als ihre Macher sind die Songs nicht gealtert: Als nach einem Balladenblock, bei dem das zwölfköpfige Ensemble seine samtpfotige Könnerschaft demonstriert, das Intro von „Fantasy“ erklingt, hört man spitze Schreie des Entzückens. Baileys gänsehauterregende Dreioktavenstimme befreit den Song aus der Knechtschaft der Ü-30-Parties und legt seine wahre Natur frei: pure Disco-Euphorie mit einem in überirdische Gefilde abhebenden Chorus. So nah an der Seligkeit, wie Popmusik nur sein kann. „September“ und „Let’s groove“ bündeln die Glücksversprechen der späten Siebziger zu kollektiver Bewegungsenergie. Hier kommen alle zu ihrem Recht: Die Bläser stellen ihre Jazzaffinität zur Schau, Vadim Zilbershtein gniedelt astreine Santana-Soli, die Rhythmusfraktion liefert sich latinoeske Percussionduelle. Und Bass-Veteran Verdine White ist mit seiner Schlangenlederhose der coolste Hund der Band. Grausam indes, nach 90 ergreifenden Minuten einen fiesen Techno-Remix von „September“ als Rausschmeißermusik einzulegen. Da ist sie wieder, die gedankenlose Dudelhölle, für die Earth, Wind & Fire viel zu schade sind. Jörg Wunder

KLASSIK

Handküsse

vom Bauchredner

In der Geigenbranche tobt das Castingfieber. Wie gut ist es da, einer Legende zu begegnen, die in ihrer leicht an Mario Adorf erinnernden graumelierten Stattlichkeit ein attraktives Gegenbild zu den allgegenwärtigen Fräuleinwundern und geigenden Schwiegersöhnen darstellt.

Um noch einen Moment bei Äußerlichkeiten zu verweilen: Es ist bereits ein Genuss zu sehen, wie Pinchas Zukerman nicht etwa Geige spielt, sondern ihr vielmehr mit der gelassenen Anteilnahme eines Bauchredners zuzuhören scheint. Dieses Understatement steht dabei in einem merkwürdigen Kontrast zur umwerfenden emotionalen Präsenz seines Tons: Mit ihm kann Zukerman selbst im Pianissimo, das er auf hundert verschiedene Arten anzusteuern weiß, den Kammermusiksaal vollständig mit melancholischer Wärme füllen; gleichzeitig weiß er aber auch mit Klavierpartner Marc Neikrug der A-Dur-Sonate von César Franck die orchestrale Aura eines großen Violinkonzerts zu verleihen. Den stärksten Eindruck hinterlässt Mozarts Violinsonate KV 454: Dieses Stück mit einem romantisch singenden Vibrato alter Schule samt winzigen Glissandi anzugehen und dabei vollkommen frisch und natürlich zu wirken, wirkt so überraschend, wie in Berlin einen überzeugenden Handkuss zu geben. Dass sich hier und da eine Unwucht in Neikrugs Läufen bemerkbar macht, fällt nicht wirklich ins Gewicht. Und dass Zukerman Schostakowitschs Violasonate op. 147 etwas zu lyrisch angeht und im letzten Satz nicht perkussiv genug an die Schicksalspforte klopft, sei ihm erst recht verziehen: Für dieses Alterswerk ist der 59-Jährige wohl doch einfach noch zu jung. Carsten Niemann

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