Kultur : KURZ & KRITISCH

Eva Kalwa

ELEKTRO

Zu müde,

um zu schlafen

Die Lungenflügel beben, die Nasenwände zittern, das Gehirn rotiert. Es sucht in der fraktalen Komplexität scheinbarer Zufälle nach Strukturen und Bezügen, es will verstehen und ordnen. Doch diese Musik ist zu groß, ihre elektronischen Klangwelten sind kryptisch und verwirrend, sie verweigern die Antwort. Die britische Zwei-Mann-Band Autechre (gesprochen: O-Tecker) machen keine Musik für einen netten, sinnfreien Dancefloor-Abend. Seit mehr als 15 Jahren fordern die Gründungsfiguren der „Intelligent Dance Music“ ihre Zuhörer mit labyrinthischen Soundgebilden. Auch das neue Album „Quaristice“, das Rob Brown und Sean Booth am Sonntag im Berghain vorstellten, bietet perkussive Geräuschteppiche, die zwischen synthetisch-kalten und organisch-lebendigen Sounds changieren. Kontinentalplatten reiben aneinander, Riesentropfen fallen, monströse Maschinen rattern, vokale Ahnungen schimmern auf, und alles ist flüchtig, vergänglich und von seltsamer, abstrakter Schönheit. In manch chaotischem, an die Grenze der Hörbarkeit getriebenem Augenblick scheint nicht klar, wer da wen beherrscht: Brown und Booth das wilde Tier der generativen Musik oder die zahlreichen Klangmaschinen die beiden Künstler. Eine Lichtshow gibt es nicht, die totale Aufmerksamkeit der Zuhörer ist bei den rastlosen Sounds. Einige tanzen, hineingerissen in die dezentrischen Strudel, andere stehen dem Chaos höherer Ordnung mit geschlossenen Augen still gegenüber. Nach einer guten Stunde ist alles vorbei. Und der Kopf viel zu müde zum Schlafen.Eva Kalwa

KUNST

Zu rund

für ein Quadrat

Der Kreis schließt sich nicht. Mut zur Lücke ist Programm beim Zenga, der Malerei des Zen-Buddhismus. Die kunstübenden Mönche malten oft den Kreis, das Symbol für die Verbindung von Form und Leere, von Endlichkeit und Unendlichkeit. Tokuô Ryôkô (1649–1709) schrieb noch „Totsu!“ neben seinen Tuschekreis – den Schrei des Zen-Meisters, der seine Schüler daran erinnert, dass die Quadratur des Kreises unmöglich ist. Inspirierend, einfach, tiefgründig: die Auswahl von Zen-Malerei im Museum für Asiatische Kunst datiert vom 17. bis ins 20. Jahrhundert (Zehlendorf, Landstraße 8, bis 8.6., Di.–Fr. 10–18, Sa. und So. 11–18 Uhr).

Die etwa 40 Rollbilder der Ausstellung stammen aus der Kollektion Kaerû-an (zu Deutsch: Froschhütte) des holländischen Physikers Felix Hess. Zusätzlich sind Fotos aus der Sammlung zu sehen, etwa Ansichten einer Abtresidenz in Kyoto, des traditionellen Bettelgangs von Mönchen oder ein Blick in den Innenraum eines Zen-Klosters mit dem Bildnis des Bodhidharma. Die legendäre Gestalt des ersten Patriarchen des Zen-Buddhismus findet sich in den Papierarbeiten wieder. So malte Daikô Sôgen (1772–1860) Bodhidharma als kalligrafisches Kürzel und schrieb verschmitzt dazu: „Gleicht die Figur des großen Patriarchen, der die Wand betrachtet, nicht der Form der köstlichen Auberginen aus Yamashiro?“ Daikô selbst brachte es zum Abt eines bedeutenden Tempels in Kyoto und galt als humorvoller und unkonventioneller Geistlicher. Vielleicht deshalb hat er seinen Tuschekreis von 1853 – anders als sonst üblich – gegen den Uhrzeigersinn gezogen. Jens Hinrichsen

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