Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Zajonz

KUNST AM BAU

Blut und

doppelter Boden

Für die Bundeswehr rollt Via Lewandowsky den roten Teppich aus. Genauer gesagt für die Mitarbeiter und Gäste des Bundesministeriums der Verteidigung im Bendlerblock. Der fünf mal zehn Meter große „Rote Teppich“ des in Berlin lebenden Künstlers ist eine Bodenarbeit mit doppeltem Boden. Erst wer von den oberen Geschossen der zentralen Säulenhalle herabschaut, erkennt sein Muster: ein blutrot eingefärbtes Luftbild des Stadtbezirks Tiergarten von 1945 – einschließlich des kriegszerstörten Bendlerblocks. Lewandowskys Textil ist subversive Stolperfalle – und Kunst am Bau. Eines der gelungensten Beispiele in dem vom Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung herausgegebenen Buch Kunst am Bau. Projekte des Bundes 2000-2006 (ca. 36 Euro, demnächst im Buchhandel erhältlich).

Insgesamt 43 Arbeiten in und an 25 Bundesbauten stellt der Band vor. Zu den Künstlern gehören Größen wie Rémy Zaugg, Markus Lüpertz, Georg Herold. Präsentiert wurde das Buch in der Akademie der Künste von Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee. In einer unsäglich konfusen, von FAZ-Redakteur Dieter Bartetzko geleiteten Podiumsdiskussion versuchte man sich klar zu werden, warum die künstlerische Ergänzung öffentlicher Bauten überhaupt nötig ist. Vergeblich. Dabei hätte ein Blick auf etliche der ausgewählten Beispiele genügt. Wenn Kunst am Bau richtig gut ist, wird man sie nicht übersehen.Michael Zajonz

KLASSIK

Die Temperaturen

der Liebe

Ach, die Liebe! Dante Alighieri erwischte sie schon als Neunjährigen derart heftig, dass er später über dieses Ereignis gleich einen ganzen Stapel beseelter Gedichte verfasste. Nicht minder erregt ist die Kantate „La vita nuova“, die Ermanno Wolf- Ferrari 1901 zu diesen Texten komponierte. Bildgewaltig wie Dantes Sprache durchwandert sie alle Stadien der Anbetung vom Hymnus bis zum Hollywood- Kitsch. Eine für die Entstehungszeit etwas antiquiert klingende Musik, die jedoch für den Berliner K onzertchor samt Berliner Konzert Orchester an diesem Abend in der Philharmonie reichlich Stoff für poetische Gestaltung bietet. Einfühlsam arbeiten sich Sänger wie Musiker unter der Leitung von Jan Olberg durch die verschiedenen Temperaturen der Liebe, vom schamhaft glühenden Prolog bis hin zum eisigen Totenlied über die Geliebte, vom prallen Tutti bis hin zum kammermusikalischen Geplauder mit Jörg Gottschick (Bariton) und Birgit Fandrey (Sopran).

Nur da, wo in langsamen Passagen Eindringlichkeit mit Pathos verwechselt wird, schleppt es sich ein wenig mühsam dahin. Ein vorübergehendes Dunkel, das die Kinderchöre des Berliner Konzertchores, des Schiller-Gymnasiums Potsdam und des Händel-Gymnasiums Berlin sowie der Löwenkinderchor mühelos wieder aufhellen. Im Gegensatz zum himmlischen Gestus der Dante-Kantate klingt es in Bartholdys „Erster Walpurgisnacht“ erdiger. Hier herrschen Triebe statt Liebe – an diesem Abend zwar ein wenig bedachtsam, doch immerhin voll dunkler Geheimnisse. Dorte Eilers

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