Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

KLASSIK

Geister

im Gemäuer

Das Deutsche in der Musik? Ingo Metzmacher lässt nicht locker. Nach dem heftig umstrittenen Pfitzner zum Tag der Deutschen Einheit, nach Weill und Schumann nun ein (Anti-)Helden-Abend. Zwischen Liszts „Les Preludes“, deren Trompetenthema den Nazis für ihre Frontmeldungen taugte, und Beethovens heroischer Fünfter setzt das DSO in der Philharmonie Eislers „Ernste Gesänge“: Affirmation und Dissidenz, Nationalsound und Emigrantenton, eine kluge, anregende Kollision. Wer marschiert heutzutage schon gerne. Dem Martialischen bei Liszt und Beethoven begegnet Metzmacher mit Freundlichkeit, juvenilem Sportsgeist und Diplomatie: die Klangrede als flinker Wortwechsel. Metzmacher drosselt die Dynamik, steigert das Tempo und beschleunigt das Klopfthema der Fünften zum ungeduldigen Auftakt: keine Heldentat, nur ein Stolperschritt – die Gangart eines Heißsporns. Und im altehrwürdigen Gemäuer dieser Konzertklassiker spuken die Geister, die stets verneinen.

Bei Hanns Eisler spuken sie weiter. So spinnwebenfein, dass Matthias Goernes kapriziöser Bariton auf dem von den Streichern gesponnenen Klangnetz einen Seiltanz vollführen kann – rund um Hölderlins Melancholie, die Heimat nur im Gesang kennt. Das Deutsche in der Musik? Metzmacher nimmt der Frage alles Schwergewichtige. Christiane Peitz

ROCK

Dampflok

in Fahrt

Alles ist kräftig an Gary Moore: der Mann selbst, sein Haarwuchs, sein Gitarrenton. Pausbäckig steht er da, in Jeans und schwarzem Hemd, die Les Paul vor dem Bauch. Die Columbiahalle rockt. Moore biegt sich in die Töne, singt den Blues, spielt Shuffle, Boogie, Rock. Kein innovativer Neuerer wie Jeff Beck oder Vernon Reid, eher traditionsbewusster Eklektiker. In seiner Jugend entdeckte der heute 56-jährige Belfaster seine Liebe zu Hendrix, Clapton und dem Fleetwood-MacGitarristen Peter Green, der Moores erster Band Skid Row 1970 zum Plattenvertrag verhalf. Heute noch ist Moores Stil geprägt von den typischen Riffs und Melodiefolgen der alten Idole.

Auch die Eigenkompositionen klingen immer nach bekannten älteren Bluesnummern. In immenser Lautstärke jagt der Ire seine makellosen Skalen durch zwei Marshall-Verstärker, während die Mitmusiker dezent im Hintergrund agieren: Bass, Schlagzeug, Hammond B3. Im Mittelpunkt stehen immer der Gitarrist und seine endlosen Soli, gespielt mit singendem Ton, gefühlvollem Fingervibrato, langen Slides übers Griffbrett. Wie eine alte Dampflokomotive wirkt das, es schnauft, faucht und quietscht, kommt in Fahrt zu hämmerndem Rockabilly, gespielt jetzt auf einer weißen Telecaster, auf die unzählige weitere Gitarren folgen. In einer langen Coda reißt Moore geschätzte zwei Millionen flinkfingrige Töne runter, um gleich wieder sparsamer zu dosieren. Am Ende die butterweiche Ballade „Still Got The Blues“ und der schwere Rocker „Walking By Myself“. Dieser Mann hat immer noch ungeheueren Spaß am Spielen. H.P. Daniels

KLASSIK

Kobold

im Wandel

Kobolde genießen nicht den besten Ruf, attestieren muss man ihnen aber Wandlungsfähigkeit. Das gilt jedenfalls für das Exemplar aus Maurice Ravels „Gaspard de la nuit“. Blitzschnell wechselt dieser Kobold die musikalische Gestalt: Kaum feixt er in verqueren Rhythmen drauflos, huscht er auch schon im Pianissimo um die nächste Ecke. Ein Stück, das Yefim Bronfman auf den Leib geschrieben ist. Der usbekische Pianist ist ein Meister der Metamorphose. Kein Wunder also, dass er an diesem Abend im Kammermusiksaal der Philharmonie mit den Fantasien zu einem der wandelbarsten Genres der Klavierliteratur greift. Hier scheinen alle Grenzgänger vertreten: die ziellosen Weltenwanderer aus Beethovens Klaviersonate Nr. 13, die lodernd Liebenden aus Robert Schumanns Fantasie C-Dur, Ravels mystisch-finstre Kreaturen und die opulent gezeichneten Exoten aus Mili Balakirews orientalischer Fantasie „Islamej“. Egal, wie die Transformationen angelegt sind, ob tastend oder sprunghaft, frech oder launisch, Bronfman belebt sie alle. Mühelos und unprätentiös springt er von Charakter zu Charakter, mit einer Präzision, bei der man fast schon die persönliche Note vermisst. Doch ist auch das die Stärke des Rollenspielers: Nicht sich in den Vordergrund zu schieben, sondern die Musik. Dorte Eilers

FILM

Hamlet

im Stall

Enorm, dieser Körpermensch. Erst hackt er Holz auf einer sonnendurchfluteten Lichtung, schwitzend und stöhnend – und doch sichtlich froh. Dann spielt er, ab Juli 2006, „Holzschlachten“ an der Berliner Schaubühne, einen Solo-Marathon über einen KZ-Arzt und einen Schriftsteller, für den er Unmengen von Baumstämmen auf der Bühne zersägt. Zwei Jahre liegen zwischen den beiden Kraftakten in Regina Schillings schöner Dokumentation Bierbichler (in den Kinos Eiszeit und Hackesche Höfe). Ursprünglich habe ihn ein Minderwertigkeitskomplex zum Theater getrieben, bekennt darin der 1948 geborene Schauspieler Josef Bierbichler, Sohn eines Gast- und Landwirts am Starnberger See. Bauer aber wollte er nicht werden – und so habe er schon als Junge bei der Arbeit im Stall Hamlet-Monologe gebrüllt: „Ich wollte nicht arbeiten im Sinn von malochen.“ Nun, auch seine Darstellungen sehen nach Schwerstarbeit aus, zuletzt in Hans Steinbichlers Film „Winterreise“ (2006). Da wütet er als bayerischer Mittelständler gegen eine Depression an, die am Ende stärker ist als er. Gegen das „Spreizen und Knirschen“ auf der Bühne trete er an, erklärt Bierbichler. Tatsächlich geht es ihm, das machen seine feinen Beobachtungen im Film deutlich, ums Bloßlegen, im wörtlichen und im übertragenden Sinn. Und wenn er voller Sanftheit Schubert-Lieder interpretiert, zeigt sich endgültig, dass der mächtigen physischen Präsenz dieses Mannes eine zarte Seele innewohnt. Daniela Sannwald

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