Kultur : KURZ & KRITISCH

H.P. Daniels

ROCK

Schotten auf

der schiefen Bahn

Ob jemand aus Schottland hier sei? „Yeahhh!“ Das halbe Quasimodo grölt. Ziemlich viele Schotten hier, einzelne sogar im Kilt. Kein Wunder, denn wo immer die Proclaimers spielen, taucht die schottische Diaspora auf. In ihrer Heimat sind die Zwillingsbrüder Craig und Charlie Reid aus Edinburgh Nationalhelden. Da werden ihre Lieder in den Fußballstadien gesungen. Sie sehen ulkig aus, wie sie auf der Bühne stehen, fast bieder, kurze Haare, kleine Brillen. Etwas dicker der eine, der andere im T-Shirt mit Akustikgitarre. Dazwischen ein Bassist und außen E-Gitarre und Keyboards. Kirchenorgel-Intro und es knallt: „New Religion“ vom neuesten Album „Life With You“. Mitreißende Songs mit zauberhaften Melodien, deren Wurzeln in den frühen sechziger Jahren liegen, zwischen Motown, Merseybeat, Pop und schottischem Folk. Harmoniegesang ist eine Stärke der Zwillinge. Zumindest auf ihren Platten. Im Konzert rutscht er gelegentlich auf die schiefe Bahn.

Wie sich auch die ganze Band durch die Songs schleppt. Es fehlen Druck und Leidenschaft, die kurz aufleuchten in der rasanten Sixties-Beatschuppen-Tanznummer „You Meant It Then“. Die Fans sind glücklich, wenn sie mitsingen können, vor allem bei den Hits „Letter From America“ und „I'm Gonna Be (500 Miles)“. Dann haben die Proclaimers 23 Songs in anderthalb Stunden runtergerattert. Mehr als genug. H.P. Daniels

KUNST

Kokosnüsse

im Handgepäck

Reisende, sagt Christiane Möbus, seien die beiden Fahrräder aus den Fünfzigern, die zwischen zwei Glasscheiben lehnen. Und benennt damit das Hauptmotiv ihrer Arbeit. Die Bildhauerin sammelt die verschiedensten Gegenstände, reißt sie aus ihren Zusammenhängen, verwandelt sie und schickt sie wieder auf die Reise. Wie den Reichsarbeitsdienst-Mantel, den sie mit Buchenblättern bestickt hat. Oder die Sporttaschen, die sie mit Kokosnüssen füllt. Die 60jährige Professorin der Universität der Künste lebt zwischen Hannover und Berlin, aber vor allem: unterwegs. Die Ausstellung im Neuen Berliner Kunstverein ist ihre erste Einzelschau in Berlin seit zehn Jahren (Chausseestraße 128, bis 13. April, Di-Fr 12-18 Uhr, Sa-So 14-18 Uhr. Katalog erscheint im Deutschen Kunstverlag). Der Titel „Chausseestraße“ verweist auf die historisch aufgeladene Adresse – Treffpunkt der DDR-Opposition, Ruhestätte für Geistesgrößen auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof.

Allerdings haben die Werke über den Ort wenig mitzuteilen. In den letzten 30 Jahren haben sie schon in vielen anderen Ausstellungen funktioniert. Die Sinnlichkeit von Möbus’ jüngeren Werken, etwa der Tier- und LKW-Objekte, hätte da mehr vermocht. Kolja Reichert

KLASSIK

Einzelgänger

im Kollektiv

Totgesagte leben länger. Das Solokonzert, der Wettstreit zwischen Orchester und Instrument, hat sich aus seiner scheinbar höchsten Ausprägung romantischer Virtuosität in die Moderne hinübergerettet. Doch seine Vergangenheit haftet ihm an. Gleich zwei Varianten liefert Stefano Gervasoni dem Konzerthausorchester, das unter seinem Chef Lothar Zagrosek beim MaerzMusik-Festival auftritt. „Fantasia“ für Klavier und Orchester misstraut dem Genre und stellt seinem fabelhaften Solisten Marino Formenti ein alter Ego in Gestalt eines Cymbalon zur Seite. Den delikaten Klangsinn treibt der 1962 geborene Italiener in „Irrene Stimme“ auf die Spitze. Das durch Trillerketten flimmernde Klavier führt er in einen orchestralen Irrgarten. Auch das Zitat einer Chopin-Etüde vermag keinen Weg durch das rätselhafte Gespinst zu weisen. Alevaro Carlevaro dagegen spricht Klartext: Das konzertante Prinzip verleibt er der Trommeltradition seiner uruguayischen Heimat ein. Robyn Schulkowsky und Jorge Camiruaga entfesseln ein Feuerwerk an Trommeln, Plattengongs und Marimba.

Ein Konzert für Orchester schreibt der früh verstorbene Francisco Guerrero mit dem furiosen „Antar Atman“, während Enno Poppes „Keilschrift für Orcheser“ mit feinsten Übergängen von Solostreichern etwa zu chorisch antwortenden Blechbläsern das Motto des Abends differenziert entfaltet. Isabel Herzfeld

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