Kultur : KURZ & KRITISCH

Philipp Lichterbeck

BUCHVORSTELLUNG

Von der Inquisition bis zur CIA

Der Vorgang rührt am Selbstverständnis des Westens. US-Präsident Bush stimmte vor wenigen Tagen gegen das Verbot des „Waterboarding“, da diese „kreative Verhörtechnik“ ein wichtiges Instrument im „Krieg gegen den Terror“ sei. Doch was Bush in Neusprechmanier zu verharmlosen suchte, ist nichts anderes als Folter: Ein Mensch wird so lange unter Wasser getaucht, bis er glaubt zu ertrinken. Vordergründig gehe es darum, erklärt der Journalist Egmont Koch, Menschen zu zwingen, gegen ihren Willen Wissen preiszugeben. Der 57-Jährige liest im Roten Salon der Volksbühne aus seinem neuen Buch Die CIA-Lüge: Foltern im Namen der Demokratie (Aufbau, 224 S., 19,95 €).

Darin erkundet Koch, der 1978 mit dem Bestseller „Seveso ist überall“ bekannt wurde, die Geschichte der Menschenquälerei: Scheinertränkung, Isolationsfolter oder sexuelle Demütigung wurden nicht von der CIA erfunden, sondern schon von der spanischen Inquisition praktiziert und von der SS „verfeinert“. Die US-Regierung wertete dann die Erkenntnisse aus den deutschen Konzentrationslagern aus und entwickelte sie systematisch weiter. Was in Abu Ghraib geschah, sei daher kein Exzess gewesen, sondern habe Methode.

Von der Dramaturgin der Volksbühne, Sabine Zielke, zaghaft befragt, schließt Koch mit der These, dass es der Bush-Regierung in erster Linie um Rache gehe, nicht um Informationsgewinnung. Denn diese erlange man einzig durch intelligentes Befragen, wie es die Amerikaner während des Zweiten Weltkriegs mit hochrangigen deutschen Gefangenen gemacht hätten. Koch hat mit Folteropfern von Abu Ghraib, Historikern und dem ehemaligen Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz gesprochen. Einiges von dem, was er auflistet, ist nicht neu, das CIA-Folterhandbuch „Kubark“ etwa steht im Internet. Auch mangelt es an einem theoretischen Unterbau. Doch Koch zieht aufschlussreiche Verbindungslinien. Philipp Lichterbeck

KLASSIK

Die Leidenschaft

des Lautmagiers

Schon nach zwei Minuten haben sich die ersten Haare von Gidon Kremers Bogen gelöst. Hochkonzentriert spielt der Geiger und Gründer des Ensembles Kremerata Baltica die Passacaglia von Arvo Pärt – wie das gesamte 25-köpfige Orchester beim Eröffnungskonzert des Deutsch-Baltischen Kulturjahres in der Philharmonie mit höchster Aufmerksamkeit bei der Sache ist. Im Cembalokonzert von Henryk Górecki tritt eine neue Klangfarbe hinzu; so hochdramatisch, ja technoid hat man das Cembalo noch nie gehört.

Während das Orchester mit schweren halben Noten wie Riesen durch die Landschaft stakst, wuselt Solist Reinut Tepp mit Sechzehnteln darunter hinweg und schickt den Hörer auf einen fast psychedelischen Trip. In der Schubert-Hommage „Wie der alte Leiermann…“ des Ukrainers Leonid Desyatnikov kehrt Kremer zurück auf die Bühne und zeigt, zu welcher Breite des Ausdrucks er fähig ist. Dünn und hohl klappert die Geige, zittrig und gebrochen malt er das Bild des alten Mannes im Schnee aus dem Schlusslied der „Winterreise“. Kremer zeigt sich nicht als Schönklang-Maschinist, sondern als Lautmagier auf der Suche nach dem Herben, Widerständigen in der Partitur. In Schostakowitschs Kammersinfonie op. 110 c-Moll läuft das Orchester noch einmal mit kristallinen, flirrenden, bestens abgestimmten Klängen zur Höchstform auf. Kremer sitzt inzwischen als Konzertmeister unter den ersten Geigen. Von seinem Bogen flattern wieder die Haare. Udo Badelt

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