Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Judas

als Held

Wenn das Publikum eines Passionsoratoriums betroffen schweigt, nachdem der Protagonist sein Leben ausgehaucht hat, ist das nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist es aber, wenn diese Betroffenheit nicht dem Sterben Jesu gilt, sondern dem Selbstmord des Judas. Schwer zu sagen, wer am Coup de Théatre des Zeitfenster-Festivals für Alte Musik im Konzerthaus den größten Anteil hat: Georg Philipp Telemann, der Textdichter Barthold Heinrich Brockes oder die Mezzosopranistin Marie-Claude Chappuis. In der Rolle des in Selbsthass delirierenden Judas’ tut Chappuis auf kongeniale Weise das, womit schon die barocken Meister punkteten: sich vorbehaltlos in jede Figur des Passionsgeschehens hineinsteigern. Unterstützt von René Jacobs, der Akademie für Alte Musik und dem Rias-Kammerchor entfalten die biblischen Gestalten eine frappierende Bühnenpräsenz. Und auch Brigitte Christensen und Lydia Teuscher fiebern als Gläubige Seelen Nr. 1 und Nr. 2 um den in jeder Hinsicht schön leidenden Jesus (Johannes Weisser). Dass die Drastik der Bildersprache ans Absurde grenzt, tut der Wirkung keinen Abbruch: Weil hier alle Emotionen lustvoll verkörpert werden, die Musik keinen Unterschied macht zwischen Gut und Böse und nicht pietätvoll meditiert, sondern Theater gespielt wird, triumphiert an diesem grandiosen Abend die absurde Wahrhaftigkeit der Oper. Carsten Niemann

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