Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Vorwärts

in die Vergangenheit

Was dem Katholiken sein Sankt-Nimmerleins-Tag, ist dem protestantischen Norddeutschen sein „Ulenpingsten“: ein beweglicher Feiertag, der stattfindet, wenn „Weihnachten und Ostern auf einen Tag fallen“. So selten dieses hohe Fest auch ist: Am Dienstag wurde es im Großen Saal des Konzerthauses von Konrad Junghänels Ensemble Cantus Cölln und dem Organisten Ton Koopman tatsächlich gefeiert. Deklariert war das Ganze als musikalischer Schnellrundgang durch das liturgische Jahr 1680, wie es in Norddeutschland gefeiert worden sein könnte – weshalb sich auch noch kleinere Feste wie Himmelfahrt, Totensonntag und Reformationstag zu den beiden Großen gesellen. Doch Nikolaus Bruhns’ „Die Zeit meines Abschieds ist vorhanden“ und Franz Tunders Reformationskantate „Ein feste Burg“ nehmen es an kompositorischer Raffinesse und rhetorischer Kraft mit jedem Werk des Großmeisters Dieterich Buxtehude auf. Aus Veranstaltersicht verständlich, aber ästhetisch unglücklich angesichts der Genauigkeit, mit der beim Zeitfenster-Festival auf historische Instrumente und Stimmungen geachtet wird, wirkt die Wahl des Ortes: Zwar ist ein dermaßen exakt und homogen intonierendes Ensemble wie Cantus Cölln nicht auf die Gnade des Halls angewiesen – doch die intendierte Klangfülle des Repertoires hätte nur ein Kirchenraum verwirklichen können. Und so schön der fantasiereich verzierende und lebendig artikulierende Koopman den Zimbelstern der Jehmlich-Orgel auch rotieren lässt: Im Vergleich zur Farbigkeit eines barocken Instruments bleibt es ein Farbklecks. Carsten Niemann

POP

Willkommen

in der Gegenwart

Weil im April sein neues Album erscheint, reist Steve Wynn derzeit quer durch Europa – und erzählt in Interviews, dass „Crossing Dragon Bridge“ in Ljubljana entstanden ist, in Kooperation mit Chris Eckman von den Walkabouts. Wynn selbst gibt sich angenehm überrascht, dass das Ergebnis so anders klingt als alles, was seine Fans von ihm gewohnt sind. Aber, sagt er, was ihm gefalle, werde auch den Fans gefallen, so sei das seit 30 Jahren. Beim Konzert im ausverkauften Berlin Guitars tritt der New Yorker ohne seine Band „The Miracle 3“ an, allein, nur mit Akustikgitarre. Er beginnt mit „The Medicine Show“, dem Song, den er schon 1984 mit seiner Band „The Dream Syndicate“ in L.A. gespielt hat. Dann springt er in die Gegenwart, gibt Kostproben vom neuen Album. Zurückgestutzt auf Gitarre und Stimme klingen sie wie rohe Demos, die erst in der Produktion des Albums mit Gefühl arrangiert und breiter instrumentalisiert wurden. Songs, die von Slowenien erzählen, aber auch von Wynns Biografie. Im Sommer, verrät Wynn, werde er seine langjährige Freundin und Schlagzeugerin Linda Pitmon heiraten, mit 48 sei er alt genug, um keine Dummheiten mehr zu machen. Nach der Pause dann eine lange Reise durch den Songkatalog der letzten Jahre, mit „The Miracle 3“, mit Warren Zevon, Blind Lemon Jefferson und Wunschtiteln auf Zuruf. Es rockt dann doch noch heftig. H.P. Daniels

KLASSIK

Zurück

in die Zukunft

Wir befinden uns im Jahr 2308: Es herrscht, nachdem bereits um 2150 die erste Revolution von der Kunst ausging, endlich eine geistige, Sinne und Intellekt fordernde, aller Hierarchien entkleidete Gesellschaft. Riesige Konzerthallen bieten Tausenden von Zuhörern Platz, traumhafte akustische Errungenschaften wie flächendeckende Wand- und Bodenresonatoren sind selbstverständlich. Endlich also sind die idealen gesellschaftlichen und technischen Bedingungen geschaffen, um einen der Wegbereiter der Kunstrevolution zu ehren: Helmut Lachenmann. Nun ja, das mag auch alles ganz anders kommen, aber es ist eine wunderbare Idee von Hans-Peter Jahn, in der Akademie der Künste ein solches Zukunftsszenario zu entwerfen, um Lachenmann, dem im Anschluss an die Laudatio der Kunstpreis Berlin überreicht wird, angemessen zu ehren. Schließlich ist der Preisträger selbst Visionär, als eine der letzten großen Figuren der sich altersbedingt lichtenden Generation von Avantgarde-Pionieren gewissermaßen ein visionärer Saurier. Aber einer mit Zukunftspotenzial, denn der verklingende Schlachtenlärm um ästhetische Ideologien hat den Blick freigegeben für Lachenmanns bleibende musikalische Qualitäten. Der von Kulturstaatssekretär André Schmitz und Akademiepräsident Klaus Staeck moderierte Abend (an dem auch sieben Förderpreise vergeben werden) gerät nicht nur würdig, sondern auch erfrischend kurzweilig. Ulrich Pollmann

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