Kultur : KURZ & KRITISCH

Jens Hinrichsen

KUNST

Aufgefunden

in Ruinen

In der Fremde sind sie Witwen geworden. Nun wollen Ruth und Arpa ihrer Schwiegermutter Naemi in die Heimat folgen. Doch weil dort Hunger herrscht, will die alte Frau alleine fort. „Rede mir nicht darein, dass ich dich verlassen sollte“, spricht Ruth zu Naemi im Alten Testament, „wo du stirbst, da sterbe ich auch“, übersetzt Luther. Es ist ein Moment tiefer Zuneigung, 1831 von Julius Hübner gemalt: Die Unzertrennlichen machen sich auf den Weg. Das lange verschollene, anrührende Bild steht in der Alten Nationalgalerie nun im Zentrum einer Kabinettausstellung (bis 12.5., Di-So 10-18, Do 10-22 Uhr).

Über 800 Bilder aus Beständen der Berliner Museen werden noch vermisst. Viele davon waren im Zweiten Weltkrieg im Flakbunker Zoo ausgelagert worden. Kriegsverloren und wiedergewonnen heißt es nun im Fall von Julius Hübners „Ruth und Naemi“. Das Werk tauchte 2005 auf einem Berliner Flohmarkt wieder auf. Den katastrophalen Zustand schildert eine Fotodokumentation: eine wellige Leinwandruine, von Schimmel befallen. Dank der Restauratorin Amelie von Hoff erstrahlt das Bild nun in altem Glanz: Julius Hübner (1806–1882) war ein „Nazarener“, das belegen auch die klaren Konturen und sanften Farben seiner Bilder „Die Heimsuchung Mariae“ und „Das Goldene Zeitalter“. Jens Hinrichsen

KABARETT

Von Delfinen

und Menschen

Wird deutschsprachiges Kabarett erst gut, wenn es aufhört, Kabarett zu sein? Oder braucht es im Zeitalter der Comedy neue Formen, damit es wieder seine Stärken zeigen kann: tabulosen, intelligenten Humor, der bei allem Geschimpfe die eigene Lächerlichkeit, ja Sterblichkeit nicht vergisst? Mit Hader muss weg präsentiert der österreichische Kabarettist und Schauspieler Josef Hader im Admiralspalast (heute sowie 2.- 6. 4. 20 Uhr 30) ein blitzgescheites und bejubeltes Programm, das dem Ideal sehr nahe kommt. Dies gelingt, weil Hader sich auf seinen Instinkt als Schauspieler verlässt.

Er schlüpft in sieben Rollen und erzählt durch die aufgerissenen, hoffnungsfrohen, kleinlauten, liebesbedürftigen – „normal kranken“ – Münder eine Geschichte, die so absurd ist, dass sie schon wieder real erscheint. Selbst Geschmacklosigkeiten werden durch etwas aufgefangen, was man nur erspürt: Dass hier einer über die Unzulänglichkeiten der anderen spottet, der selbst doch am meisten mit sich, nun ja, hadert. Folgerichtig ist die Figur des Kabarettisten die erste von mehreren Leichen. „Nur Trottel schimpfen über Sachen, die weit weg sind – Amerika, Brüssel, den Islam“, grantelt Hader und verhöhnt Kabarettisten als Delfine, „die größten Arschlöcher von allen Fischen“. Eva Kalwa

KLASSIK

Retter mit

Dreitagebart

Schreien und Johlen im Admiralspalast: David Garrett muss sein Publikum nicht mehr erobern. Eigentlich ist ja das Aussehen eines Geigers für seine Musik irrelevant, aber Musik steht in der Show des 27-Jährigen nicht an erster Stelle. Hier herrscht das Primat des Optischen: Blonde, hinten zusammengebundene Haare, Dreitagebart, rutschende Jeans, Stiefel. Garrett pflegt sein Image als Metrosexueller der Klassik, bei dem selbst der angekündigte T-Shirt-Wechsel noch erotisch konnotiert ist.

So entspannt und lässig will der Juilliard-Absolvent, der schon als 15-Jähriger mit Claudio Abbado Mozarts Violinkonzerte eingespielt hat, mit einem Crossover von Bach bis Metallica und eigenen Kompositionen neue Fans für die Kunstmusik erschließen. Garrett spielt, elektronisch verstärkt und begleitet von Gitarre, Keyboard und Drums, technisch perfekt und entlockt seinem Instrument, etwa in „Somewhere“ aus West Side Story, elegische Klänge. Aber er überfordert nicht mit ausgeklügelter Dramaturgie. Ein programmatischer Zusammenhang ist nicht erkennbar, außer dass es sich um Garretts Lieblingswerke handelt. Keines dauert länger als drei Minuten. Wie teuer kommt die Rettung der Klassik? Udo Badelt

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