Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Ostern in einem

Land des Lächelns

Das Werk von Olivier Messiaen strebt himmelwärts. Sein betender und predigender Charakter kommt dem besonderen Osterfestival entgegen, das ihm das Deutsche Symphonie-Orchester bereitet (Weitere Konzerte am Ostersonntag und -montag). Dieses Konzept verschwistert den Franzosen mit dem Barockkomponisten, der seine geistliche Musik allein zu Gottes Ehren verstanden wissen will: Johann Sebastian Bach. Alle Passion klingt aus der Instrumentalsinfonie der Kantate „Christ lag in Todesbanden“, um das Halleluja des Luthertextes in jeder Strophe zu variieren, gern mit Tempobeschleunigung. Bach‘sche Vokalmusik beschränkt sich im Konzertwesen auf die Oratorien. Deshalb kommt es einer Entdeckung gleich, dieser Kantate am Karfreitag in professionell aufwendigem Gewand zu begegnen. Das verdankt sich Ingo Metzmacher, dem DSO und einem Solistenquartett mit Angelika Kirchschlager.

Messiaen wäre im Dezember 2008 100 Jahre geworden. Bis ins Alter bleibt er als Komponist umstritten. Die herrschende Ästhetik der Schönbergschule nimmt ihn nicht wahr oder wirft ihm Saccharinsüße und Disneyland vor, bis sich mit seiner Franziskusoper das Blatt wendet. „Trois petites Liturgies de la Présence divine“ lösten 1945 in Paris einen Skandal aus. Der Frauenchor verbindet sich den inbrünstigen Melodien der Ondes Martenot. Es zeigt sich, dass Messiaens Süßlichkeit und Seelenunisono heute in der Philharmonie mit jugendlichen Bravorufen begrüßt werden, dass wir nichts mehr dagegen haben, wenn le Dieu d’amour ein Land des Lächelns betritt. Ein Lernprozess zum Thema Geschmack. Sybill Mahlke

KLASSIK

Ostern an einem

Ort der lärmenden Töne

Ambitioniert und karfreitäglich gibt man sich im Konzerthaus, außerdem der Auskomposition von frommen Sätzen verpflichtet; ein Programm, das auf den besonderen Tag zugeschnitten ist und trotzdem nicht ganz für sich einnimmt: Zunächst singt das Vocalconsort Berlin von der Empore Auszüge aus Orlando di Lassos „Prophetiae Sibyllarum“, in den Farben klangschön und natürlich bis zur Unterspanntheit, bei der Gestaltung ein wenig fahrig, mit wenig Seelenruhe für die zeitfrei sich windenden Linien.

Schon beim letzten Satz, der „Sibylla Agrippa“, spannen sich die Musiker vorn auf der Bühne an, Roland Kluttig am Pult hält sich bereit, Lichtwechsel, und schon fliegt man in die Moderne aus: Das Konzerthausorchester spielt Olivier Messiaens Requiem „Et exspecto resurrectionem mortuorum“ von 1964. Im ersten Satz, „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu Dir“ überschrieben, krauchen Tuben und Posaunen tatsächlich wie aus urzeitlicher Tiefe hervor, die anderen Instrumente lagern sich in sanft kreischenden Liegeklängen allmählich um sie herum. Den letzten Satz, der nach ohrenbetäubendem Crescendo abbrechen wird, durchpulsen dumpfe Gongschläge, Anklang an die Omnipräsenz christlicher Glaubensinhalte. Mit Haydns hier wunderlich heiter erscheinender, dennoch auf die „Sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ geschriebenem Orchesterstück endet der Abend. Kluttig gibt den niedlichen Impulsen bis zur Glättung nach und gelangt erst mit dem letzten Satz „Il Terremoto“ zu einer aufwühlenden, zutiefst interessanten Wiedergabe. Christiane Tewinkel

ARCHITEKTUR

Ostern in einer

Stadt des Sammlerglücks

Ist es ein Zufall, dass ausgerechnet Marge Simpson in der Mitte hunderter kleiner Figürchen, Modelle und Dingelchen aus aller Welt steht? Schließlich hat sie längst den Rang einer (Comic-)Mutter von Welt sowie der Katastrophen des Alltags, während ihr blauer Haarturm an ein wackeliges Hochhaus erinnert. Und Hochhäuser spielen in der Welt der Madelon Vriesendorp eine ganz besondere Rolle. Zusammen mit ihrem Mann Rem Koolhaas hat sie in den siebziger Jahren das „Office for Metropolitan Architecture“, kurz OMA, gegründet. Jetzt sind ihre Arbeiten in einer Ausstellung bei Aedes am Pfefferberg zu sehen (Christinenstraße 18–19, bis 17. April, Katalog „The World of Madelon Vriesendorp“ der Architectural Association London, 51,50 €; Aedes Katalog 10 €).

Es ist eine surreale Welt, in die Vriesendorp ihre Betrachter entführt, gerade weil viele der ausgestellten Objekte aus dem Alltag stammen. Die Niederländerin versteht ihre Sammlung als eine Stadt: „Weil sie stetig wächst, sich ändert und unvollständig bleibt.“ Es ist ein Kramladen des Glücks: allein schon die rund 8000 Postkarten, deren Motive von der Berliner Mauer bis zum New Yorker Flatiron Building reichen. Dazu die ganzen Souvenirs und Figürchen, dann Vriesendorps Bilder, die das Chrysler Building in inniger Umarmung mit dem Empire State Building zeigen. Das ist keine Welt mehr, das ist schon ein ganzer Kosmos. Wie die Simpsons. Jürgen Tietz

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