Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Wer jünger spielt,

wird schneller alt

Manche Bands führen die Schnelllebigkeit des Popgeschäfts gnadenlos vor. Zoot Woman galten 2001 als next big thing: drei smarte Briten, die den Eighties-Synthiepop von New Order, Depeche Mode und Duran Duran fürs neue Jahrtausend fitgemacht hatten und damit manchmal besser klangen als die Originale. Doch beim ersten Berlin-Konzert nach langer Schaffenspause wirken sie plötzlich wie Fossile einer untergegangenen Epoche. Dabei machen sie wenig falsch: Das Publikum im gut gefüllten Postbahnhof wird mit einer grundsoliden Performance bedient, die mit einer knappen Stunde etwas kurzatmig ausfällt. Die Abwesenheit von Stuart Price wird von Neuzugang Beatrice Hatherly an Bass und Keyboards kompensiert. Dennoch fehlt mit Price ausgerechnet das Bandmitglied, von dem man aufgrund seiner Produzententätigkeit (unter anderem für Madonna) seit der letzten Platte am meisten gehört hatte. Kommt hinzu, dass Sänger und Gitarrist Johnny Blake und sein trommelnder älterer Bruder Adam nur mäßig charismatische Bühnenakteure sind. Natürlich sind die Songs von Zoot Woman immer noch großartig: „Grey Day“, „It’s Automatic“, „Information First“ und das selbst durch eine hölzerne Neubearbeitung nicht kaputt zu kriegende „Living In A Magazine“ bleiben Hymnen. Dass sie keine völlige Begeisterung auslösen, liegt an der vergleichsweise gebremsten Darbietung. Die kann mit dem intelligenten Wahnsinn jüngerer Acts wie Hot Chip oder Justice einfach nicht mehr mithalten. Traurig: Zoot Woman sind alt geworden. Jörg Wunder

KLASSIK

Tod, hier ist

dein Stachel

Ostersonntag, 19.30 Uhr. Die Schlangen an der Philharmonie-Kasse sind erfreulich lang. Staatsopern-Festtage, Alte-Musik-Biennale im Konzerthaus, das Osterfestival des DSO: Angesichts solch üppigen Musikangebots entscheiden sich offenbar immer mehr Menschen kurzfristig für einen Klassik-Abend. Die Musikhauptstadt Berlin bringt ihr eigenes metropolitanes Publikum hervor, kurzentschlossene, aufgeschlossene Hörer aus allen Generationen. So ist der Saal gut gefüllt, als das Deutsche Symphonie-Orchester mit seinem Bach-/Messiaen-Zyklus in der Philharmonie (Tsp. vom 23.3.) auch am Ostersonntag auf extreme Kontraste setzt. Vor der Pause die Streicher mit Bach, nach der Pause die Bläser samt Metallschlagwerk mit Messiaen. Vor der Pause die Heiterkeit eines protestantischen, nach der Pause die Schreckensstarre eines katholischen Kirchenmusikers. Übermut und Todesangst: Gil Shaham und Chefdirigent Ingo Metzmacher verbreiten mit Bachs Violinkonzerten E-Dur und a-Moll gute Laune: schwungvolle Legatobögen, ungeduldige Auftakte, energische Crescendi – ein Bach, den man tanzen kann. Olivier Messiaens fünfteiliges Orchesterwerk „Et expecto resurrectionem“, 1965 zum Gedenken an die Weltkriegstoten komponiert, lebt vom gleichen Temperament, kündet jedoch vom Gegenteil. Ein Fanal mit Gongs, Glocken und meist tiefem Blech, einem Siebenton-Thema der Tiefe, minutenlanger Stille und bis zum Hörsturz gesteigerten Tam-Tam-Schlägen am Ende. Erratische Klangblöcke, Ruinenmusik. Der Organist und einstige Kriegsgefangene Messiaen zieht alle Register, Metzmacher bietet der Herausforderung furchtlos die Stirn. Manch einer mag’s nicht und geht. Die anderen ahnen: Der Tod bleibt eine Zumutung, schrill und unbegreiflich auch für den, der an die Auferstehung glaubt. Christiane Peitz

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