Kultur : KURZ & KRITISCH

Udo Badelt

KLASSIK

Ausgerechnet

Bananen

Es ist ein bisschen wie die Geschmackssensation beim Kinderjoghurt: Plötzlich ist da nicht nur Himbeere, sondern auch Banane. Orientalische Klänge werden mit einer Big Band unterlegt, in „Sympathy for the Devil“ von den Rolling Stones oder bei Jimi Hendrix fließen plötzlich breite Streicher mit ein. Der Schweizer Komponist und Saxofonist Daniel Schnyder geht in Around the World im Kammermusiksaal mit 13 Solisten der Berliner Philharmoniker auf musikalische Weltreise: vom arabischen Suq nach Brasilien und weiter in die Jazzkeller Nordamerikas. Es sind unglaublich reichhaltige musikalische Quellen, aus denen Schnyder beim Komponieren und Arrangieren schöpft. „Crossover“ nennen das manche und meinen es eher verächtlich. Schnyder aber benutzt den Begriff offensiv, ist in die Welthauptstadt des Crossover, nach New York, gezogen und sagt, schon Bach hätte bei anderen abgeschaut.

Aus all den Einflüssen entwickelt er einen eigenen Stil, dessen Kennzeichen rasch wechselnde Taktarten und viele entgegen der Tradition geschriebene Solopartien sind. Endlich hat man einmal Gelegenheit, den Kontrabass (Nabil Shehata) alleine zu hören. Das Horn (Radek Baborak) verliert seine leidige Assoziation mit der Jagd. Und wie sanft kann doch eine Posaune (Stefan Schulz) oder wie stürmisch und aufgewühlt eine Flöte (Emmanuel Pahud) klingen. Am Ende fügen sich die Philharmoniker dann doch immer wieder betörend ein ins große Ganze, was für einen Solisten das Schwerste ist. Dies ist ein Joghurt, der ziemlich lecker schmeckt. Udo Badelt

POP

Aufgedrehter

Filialleiter

Bernd Begemann gibt das ganze Jahr Konzerte, überall, ganz Deutschland, rauf und runter, alleine und mit Band. Diesmal im Frannz wieder mit Band: Bernd Begemann & Die Befreiung. Plötzlich ist er auf der Bühne, wie ein wirrer Filialleiter: beigefarbener Anzug, blassblaues Hemd, blassblaue Krawatte, blasser Teint. Die Band macht Druck, Keyboards, Bass und Schlagzeug, grober Mod-Motownsound: Energie, Hochspannung. Begemann lässt seine rote Halbresonanzgitarre wibbeln, kreischt ins Mikrofon: „Lass mich nicht so einfach gehn!“ Keiner will ihn gehen lassen, noch lange nicht. Er reißt die Arme hoch: „Machtlärmmachtlärmmachtlärm!“ Und seine Fans machen Lärm, hüpfen, tanzen. „Bis du den Richtigen triffst, nimm mich!“ Ein hymnenhafter Refrain lässt grüßen von „All The Young Dudes“.

Begemann ist Meister im Aufgreifen, Verarbeiten, Was-Eigenes-Draus-Machen. Mit Gespür für treffliche Akkordfolgen, zündende Melodien zu ulkig-tragischen Geschichten: das Leben, die Liebe, das Scheitern, das kleine Glück. „Der Sommer ist da“, „Oh St. Pauli“, „Unten am Hafen, wo die großen Schiffe schlafen“. Reißender Rhythmus, strömende Melodien. Begemann ist ein guter Gitarrist, der frei schwimmt im dichten Sound seiner vorzüglichen Gefährten. The Who, The Jam, The Clash, Hildegard Knef und Iggy Pop winken von Ferne. Drei Dutzend erstklassige Songs in drei kurzweiligen Stunden. Und so viel aufregender als seine „Hamburger Schule“-Mitschüler, diese anstrengenden Diskurs-Popler. H.P. Daniels

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