Kultur : KURZ & KRITISCH

Udo Badelt

KLASSIK

Blecherne

Männlichkeit

In Aserbaidschan liebt man Männlichkeit und starke Posen. Dieser Eindruck drängt sich nach den ersten Stücken des Konzerts auf, mit dem das staatliche Symphonieorchester das Kulturjahr von Aserbaidschan in Deutschland im Konzerthaus eröffnet. Unter der Leitung von Rauf Abdullayev tönt es bombastisch, kräftig und vor allem laut. Fähigkeit zu differenziertem Spiel traut man diesem massiven Streicherapparat zunächst nicht zu. Doch dann beginnt die 6. Symphonie von Arif Melikov, der an der Musikakademie von Baku unterrichtet, und vom ersten Ton an ist alles anders. Die Urgewalt ist gebändigt, der Streicherteppich hält sich zurück und wirkt deshalb umso stärker. Es sind nur Zustände, denen das Werk mit dem Namen „Kontraste“ Ausdruck verleiht, aber sie schweben über dem Erdboden, dass der pompöse Beginn des Konzerts ganz vergessen ist.

Nach der Pause folgt dann der Absturz: Solist Togrul Ganiyev schrammelt blutleer das Violinkonzert von Kara Karayev herunter, das an sich schon nicht aufregend ist. Wie mit Schalldämpfern spielt er, ist akustisch oft nicht vom Orchester zu trennen und erinnert an einen Postbeamten. Zum Glück erklingt am Schluss wieder Musik: Ausschnitte aus der Ballettsuite „Auf dem Pfade des Donners“, mit der Karayev 1957 einen südafrikanischen Anti-Apartheid-Roman vertonte. Entspannt gelingt den Musikern eine Vielfalt unterschiedlichster Stimmungen. Nur das Blech will nicht vom Männlichkeitsideal lassen. Udo Badelt

ROCK

Hypnotiseur

mit Bart

Haariger, struppiger Filz der sympathischen Sorte: Dead Meadow aus Washington D. C. sind eine knarzige Blechhütte, die das Aufeinanderprallen der Kontinente Cream und Hendrix im Fegefeuer der siebziger Jahre überlebt hat. Ein gnädiges Schicksal weht die abgehangenen Trümmer ins Lido, wo das von der Gitarrenverstärkerfirma Orange gesponserte Power-Trio einen spiralförmigen Soundteppich ausrollt, unter den es ein fettes Wummern legt. Das Ganze ist dicht in sich geschlossen, doch mit Platz an den richtigen Stellen für ausgedehnte Gitarrensoli. Quietsch. Brat. Fiep. In der Mitte federn speckige Blues-Riffs, an den Seiten tropfen die Rückstände unzähliger Proberaumsessions. Zerfranstes Gniedelfett, bärtige Querverweise zur Geschichte des Psychedelic Rock. Irgendwo zwischen Led Zeppelin, Back Sabbath und einer kräftigen Prise Blue Cheer (deren Überreste am 5. April in der Columbiahalle spielen). Aber ohne jegliches rockistisches Brimborium.

Nur eine Flasche Jack Daniels kreist über die Bühne, während der Bassist ausgelassen über die Bretter hüpft und der vollbärtige Schlagzeuger flockig in die Felle drischt. Und was da aufrecht und lakonisch zwischen Kontrolle und Ausbruch steht, ist das ewige, hypnotische Wechselspiel zwischen Spannung und Entspannung. Maximale kathartische Befreiung, betäubend bis elektrisierend. Ein Sound, der kein psychedelisches Pyramidenauge trocken lässt und wie ein kleiner Protestzug gegen hirnlose Heldengedenktage und miese Revivalabsichten klingt. Die siebziger Jahre sind noch nicht zu Ende. Volker Lüke

BÜHNENBILDER

Oper

im Keller

Lauter kleine Welten. Das Regal quillt fast über. Von „Anatevka“ bis zum „Wiener Blut“ stapeln sich die Modelle, in denen Martin Rupprecht seine Entwürfe im Kleinen ausprobiert hat – bis für seine Bühnenbilder dann wirklich der Vorhang aufging. Seit Mitte der sechziger Jahre ist der 1937 in Woldenberg (Neumark) geborene Künstler ein international gefragter Spezialist fürs Musiktheater. Das Ephraimpalais zeigt nun Martin Rupprechts Bühnenbilder und Kostüme (Poststraße 16, bis 1.6., Di.–So. 10–18, Mi. 12–20 Uhr, Katalog 29,80 €).

Seine stilistische Bandbreite zeigt allein ein Raum mit Bühnenbildern und Kostümen verschiedener „Zauberflöten“-Inszenierungen, in Chemnitz, Athen oder St. Petersburg. Sein Arbeitsmittelpunkt in Berlin war die Deutsche Oper. Ausgerechnet die umstrittenen Premieren dort bleiben in der Ausstellung aber unterbelichtet: „Der Untergang der Titanic“, 1979 uraufgeführt, machte das Publikum zum Mitakteur des Dramas, schickte Darsteller und Zuschauer auf eine Reise bis in den Keller des Opernhauses. An der Bismarckstraße fand 1976 auch die deutsche Erstaufführung von Hans Werner Henzes „We come to the River“ statt.

Die Kriegsschlacht im Einheitsbühnenbild setzte sich in vehementen Diskussionen im Publikum fort. Die Arbeit mit Studenten war über lange Zeit Rupprechts zweites Standbein: „Meine beiden Berufe sind geprägt vom Geben und Nehmen, vom Suchen und Lassen“, bemerkte Rupprecht einmal, „denn Theater muss sich immer neu gebären und sich permanent verändern.“ Jens Hinrichsen

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