Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KABARETT

Generation

der Ratlosen

Höchste Zeit, dass die 68er auch mal ihr Fett wegkriegen. „Jetzt machen die die Revolution /Bei Vollbeschäftigung. /Ich versteh’s nicht /Ich werd’s auch nie verstehen /So gut wie damals /wird’s uns nie wieder gehen“, röhrt Rainald Grebe ins Mikrofon, und diese Distanz ist keine schlechte Basis, um die anarchistischste Phase der Republik im Tipi kabarettistisch zu bilanzieren (bis 6.4.). Grebe ist Jahrgang 71, eins von den Kindern, die Grund genug hätten, die Revolution zu fressen. Doch statt seine Galle über die skurrilen Auswüchse von Kuschelpädagogik und Protestkultur zu gießen, genießt der Senkrechtstarter unter Deutschlands Kabarettisten die Gnade der späten Geburt. Die Fetzen historischer Bundestagsreden, die zu Beginn durchs Zirkuszelt dröhnen, bleiben bloßes Versprechen: Nach zwei, drei nostalgischen Nummern wendet sich Grebe wieder der Gegenwart zu, gibt hübsche Reime über Wellnesskultur und Prenzlberg-Schickeria zum Besten.

Zündende Pointen auf der Höhe seines Ossi-Spotts gelingen ihm dabei nur selten, das launige Gezänk mit dem Schlagzeuger wirkt ebenso bemüht wie Grebes Zwischenmoderationen – lustig ist der Mann nur, wenn er singen darf und dabei in Entsetzen über die Welt seine Augäpfel hervorquellen lässt. In der zweiten Hälfte schleicht sich zudem ein unguter Schmuseton gemütvoller Besinnlichkeit ein. Refrains versanden im Fade-out wie ein sanftes Kopfschütteln. Liebeslieder bei gedämpftem Licht – und Ratlosigkeit: „Ich schreib ein Lied über meine Generation /und komm einfach nicht weiter.“ Schade. Jörg Königsdorf

KLASSIK

Der große

Bogen

Wie verdienstvoll die Spectrum Concerts sind, die Frank Dodge 1987 ins Leben rief, wie treu die Anhängergemeinde zu ihnen steht, ist im philharmonischen Kammermusiksaal deutlich zu spüren. Die Reihen sind nur zur Hälfte besetzt, doch scheint der Saal fast doppelt aufmerksam zu lauschen: Dodge selbst und Naomi Niskala spielen Musik für Violoncello und Klavier von Debussy, Toch, Helps und Schostakowitsch. Im Timbre sind sie sehr verschieden – Niskala pflegt einen weichen, fast seidigen Ton, der dennoch zu großer Farbenpracht ausfahren kann, das Cello klingt bei aller tiefen Musikalität, die Dodge zu eigen ist, immer wieder flach, und vor allem die steilen Treppen von Ernst Tochs Impromptus lassen ein wenig um seine Intonationssicherheit bangen.

Dennoch hört man den beiden ausgesprochen gerne zu. Sie machen ihre Sache gut, weil ernst und ohne Prätention und schräg vorbei am Massengeschmack des glatten, geradezu gelackten Tons. Debussys schöne Sonate von 1915 macht den Anfang, später folgt Robert Helps’ endloses Band für Klavier allein, „Shall we dance“ (1994), virtuoser Impressionismus mit einer Maserung von Jazz. Am Ende steht Schostakowitschs Sonate op. 40, die beiläufig beginnt, deren Largo ganz in sich selbst zurücksinkt und in deren fratzig verzogenem Tanzsatz vor lauter musikantischer Erregung Niskalas Haarknoten aufspringt und Dodges Bogenhaare reißen: ein hübsches visuelles Indiz dafür, wie sehr den beiden um Wahrhaftigkeit zu tun ist, um ureigenstes Engagement. Christiane Tewinkel

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