Kultur : KURZ & KRITISCH

Kai Müller

POP

Flucht

in die Finsternis

Er ist ein Pathetiker, ein Botschafter des hohen Tons. Aber er steckt im falschen Körper. Patrick Watson will sich verkriechen. Als der 28-jährige Kanadier mit seiner dreiköpfigen Begleitband aus den schwarz abgehängten Kulissen der Studiobühne im Admiralspalast tritt, verrät sein gekrümmter Leib, dass er am liebsten in einer Wolke aus Klang, Akkorden, Beckenzischen und perlenden Gitarrentönen verschwände. Auf dem Kopf trägt er ein modisches Käppi, Schirm nach oben geklappt – kauzig. Watson kauert vor dem Klavier, die Beine übereinandergeschlagen eröffnet er den Abend mit donnernden Clustern. Gewitterstimmung. Mit „Close to Paradise“ hat er eine der schönsten Platten von 2007 gemacht.

Doch die klingt lieblich im Vergleich zu den zerzausten, lockigen Sturmgebilden, zu denen Songs wie „Slip Into Your Skin“, „Drifters“ und „Bright Shiny Lights“ jetzt umgedeutet werden. Es tobt und tost, und Watson gibt seiner Stimme, die er einer Posaune gleich in luftarme Höhen schraubt, durch Hall-Effekte etwas Spukhaftes. Die Sehnsucht nach dem Paradies ist in einem vergifteten Echoraum gefangen. Einmal lässt Watson das Bühnenlicht löschen. In absoluter Finsternis singt er von Flucht. Dann steigt das bärtige Quartett kanadischer Späthippies ohne elektrisch verstärkte Instrumente ins Publikum. Aber Watson kommt nicht dazu, den Moment groß und abenteuerlich zu machen. Auch hier, umringt von Leuten, die in ihm den „Man Under The Sea“ erkennen, von dem er singt, will er abtauchen. Kai Müller

KLASSIK

Kollektives

Flügelschlagen

Kaum ist die zweite der „Drei kleinen Liturgien auf die Gegenwart Gottes“ von Olivier Messiaen in der Philharmonie verklungen, entfährt dem Nachbarn ein Glucksen, das Verblüffung, Anerkennung und Amüsement ausdrückt. Messiaens Versuch, Taizé und Avantgarde gegen ihren Willen zu verbinden, hat etwas Komisches – und bietet doch gerade wegen des komponierend bewältigten Gegensatzes einen stimmigen Einblick in die zerrissene Gefühlswelt seiner Epoche. Ob Jonathan Harveys „Messages“, die am gleichen Abend mit den Berliner Philharmonikern und dem Rundfunkchor Berlin uraufgeführt werden, eine ähnliche Haltbarkeit entwickeln? Die Anrufung von christlichen, jüdischen und muslimischen Engelsnamen ist in den Chorpartien handwerklich gut gemacht. Doch während bei Messiaen Sprache und Gesang, Kitsch und Komplexität, Orchester und futuristische Elektronik spannungsvoll aufeinandertreffen, hat sich Harveys Engelskonferenz nur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner kollektiven Flügelschlagens zu Glockentönen, Windgeräuschen und Harfenrauschen geeinigt.

Als Dirigent entfaltet Reinbert de Leeuw weniger Charisma als der elektrisierte Klaviersolist Peter Serkin, der bei Messiaen ebenso brilliert wie in Strawinskys Konzert für Klavier und Bläser. Der Beziehungsreichtum des exzellent komponierten Programms macht diesen Makel jedoch fast wett. Carsten Niemann

TANZ

Gesetz

des Dschungels

Es ist nichts los am Ende der Welt. Lisi Estaràs von Les Balletts C. de la B. lässt in Patchagonia ihre Tänzer im HAU 1 in einem desolaten Niemandsland stranden (wieder heute, 19.30 Uhr). Für ihr erstes abendfüllendes Stück hat die argentinische Tänzerin, Mitarbeiterin von Alain Platel, sich Beistand bei der Musik gesucht, wie dies Tradition ist bei dem belgischen Kollektiv. Mitten in die brütende Stille spaziert nun wundersamerweise eine kleine Combo mit Geige, Gitarre und Kontrabass. Angeführt wird sie von einem dünnen Mädchen in weißem Kleid, das sich wie ein widerspenstiges Pony bewegt. Tcha Limberger, der blinde Geiger, sowie Benjamin Clement und Vilmos Csikos geben den Ton an. Die Band lässt sich auf einem Baumstumpf nieder – und legt los mit ihrem musikalischen Trip aus traurigen argentinischen Balladen und ausgelassenen GypsyKlängen. Die Musik ist das kulturelle und emotionale Gedächtnis in dieser zivilisatorischen Ödnis – und löst bei den Patchagoniern ein seltsames Echo aus.

Bei Estaràs reibt sich der Tanz an den vertrauten Klängen. Sie lässt die Darsteller Tierbewegungen imitieren; was anfangs noch übermütig-verspielt wirkt, wird immer brachialer. Auf dem Weg zurück zum Naturzustand wird freilich mancher choreografische Einfall breitgetreten. Wenn die Musiker am Ende von dannen ziehen, dann gilt in „Patchagonia“ nur noch das Gesetz des Dschungels. Sandra Luzina

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