Kultur : KURZ & KRITISCH

Christoph Funke

THEATER

Der Kampf

als Karneval

Ein bisschen putzig sind sie schon, die Schweizer Landleute aus den drei berühmten Urkantonen. Zumindest auf der Bühne des Theaters an der Parkaue. Friedrich Schiller ist dort zu Gast, mit seinem Wilhelm Tell. Auf einer vielstufigen, ins Parkett hineingebauten Bühne vor prächtigem Alpenpanorama geht es deftig zu, die Ehrfurcht vor der erhabenen Dichtung ist dahin, all die sprachmächtigen Verseschmiede mit ihren unsterblichen Sprüchen sind auf die Erde geholt und wirklich Landleute. Aber das macht eben auch den heiligen Ernst ihrer Unternehmungen verständlich, für Menschen ab 12 Jahren und weit darüber hinaus. Freiheitskampf als Abenteuer, Versteckspiel, Waldspaziergang – und Karneval. Die Bösen sind so böse nicht, die braven Landleute erledigen das Notwendige. Puppen stehen ihnen zur Seite, lebensgroß und auch im handlichen Format, Tiermasken ermöglichen Verkleidungszauber, kahle Schädel simulieren Volksversammlung. Regisseur Sascha Bunge entfacht gemeinsam mit der Abteilung Puppenspielkunst der Ernst-Busch-Hochschule ein abenteuerliches Treiben mit allerlei Texteinsprengseln aus dem Alltäglichen – seine Schauspieler streben Gelassenheit an. Fast drei Stunden, aus einer unbedenklichen Spielfreude heraus – Schiller hält’s nicht nur aus, es erweist sich ganz überraschend, welch knackige Geschichte er da geschrieben hat. (wieder am 2., 3., 7. und 10. April) Christoph Funke



KUNST

Ein Haus

für Murmeln

Im Kunstunterricht nervt sie, in naturalistischen Gemälden fasziniert sie: die Perspektive. Die Kleinplastiken und Reliefs von Erwin Heerich zeigen den doppelten Boden perspektivischer Konstruktion. Mit seinen Kartonobjekten schuf der Künstler keine Illusionen, sondern Irritationen – indem er verschob, verzerrte, verrückte. 2004 starb Heerich im Alter von 81 Jahren. Zwischen 1953 und 1967 sind die Bilder, Pappskulpturen und Zeichnungen entstanden, die der Sammler Reinhard Onnasch in seinem Showroom El Sourdog Hex präsentiert (Zimmerstraße 77, bis 26.4., Di-Sa 11–18 Uhr).

Heerich zählte zu den stillen Stars der deutschen Nachkriegskunstgeschichte. Bis zuletzt war sein Werk vom Konstruktivismus geprägt. Selbst der spätere, abstraktere Heerich grenzte sich vom Minimalismus durch das Individuelle jeder einzelnen Arbeit ab. Sinnliche Erfahrbarkeit und reflektierter Entwurf fließen im „Opus I in Pappe“ (1954) zusammen: An der Wand hängt der Kartonquerschnitt eines puppenstubenhaften Mietshauses. Man könnte eine kleine Murmel vom Dachgeschoss über die Treppe bis zum Parterre laufen lassen. Auch sein „Mechanischer Reiter“ (1956) ist vom Charme alten Kinderspielzeugs geprägt. Mit dem Papprelief „Kleine Stadt (Siedlung)“ (1953/1956) aus liebevoll gefalteten, teils auf den Kopf gestellten Häuschen bewegte sich Erwin Heerich auf den Spuren Paul Klees: Mathematische Präzision trifft auf die „falsche“ Perspektive von Kinderzeichnungen. Jens Hinrichsen

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