Kultur : KURZ & KRITISCH

Matthias Nöther

KLASSIK

Mutig

voran!

Ja, zusammengewachsen sind sie, und nein, gänzlich im Klang verschmolzen sind sie nicht, nicht an allen Rändern abgerundet – und das ist auch ganz gut so. Wenn Michael Boder das Bundesjugendorchester dirigiert, arbeitet er kreativ mit den vielen Ecken und Kanten, die aus überbordender jugendlicher Musikzierlust entstehen. Wer in den letzten Wochen wieder Karajan zu seinem Klassikgott erkoren haben sollte und nun meint, auch bei einem rauhen Kontrapunktiker wie Brahms müsse jede motivische Zacke in einem breiten Legato-Strom hinweggespült werden, wird aufhorchen.

Es bleibt hier viel Freiheit für den gestalterischen Augenblick der Einzelnen im Orchester, welcher sich dann doch wieder spielerisch in ein seidenweiches Ganzes fügt. Boder setzt in Brahms’ 3. Sinfonie beim motivischen Detail an, formt dynamisch kleingliedrige Bögen. Doch dieses feinmaschige Brahmsspiel kann in seiner gedanklichen Konsequenz nur derjenige nachvollziehen, der in der Philharmonie zuerst Hans-Jürgen von Boses „Variationen für Orchester“ gehört hat. Auch denen erwächst ihr Klangreichtum aus Mut, aus dem Voranspielen der einzelnen Musiker, aus Klangfäden von Solostreichern, aus Jazz-Einwürfen der Holzbläser, aus angerocktem Percussionsound. In Berthold Goldschmidts Klarinettenkonzert zeigt das Bundesjugendorchester auch, wie schlüssig und geschlossen es auf ein Zentrum hinspielen, sich fokussieren kann: Hier scheint sich der Gesamtklang auf den fabelhaft schlank-virtuosen Klarinettenton von Sabine Meyer hin zuzuspitzen. Matthias Nöther

KUNST

Heute ist morgen

schon gestern

Wer dieser Tage mit offenen Ohren das Haus der Akademie der Künste am Pariser Platz durchquert, wird in der glasbedachten Passage durch ein penetrantes Surren festgehalten. Es ist das Geräusch zweier großer Eiskühltruhen, wie sie sonst im Supermarkt stehen. Inhalt: Instrumentenkabel, Fernbedienungen, Vogelkästen, mit Aluminiumguss überzogen und bei -24 °C gefroren. Das Jahr 2352 nennt Bogomir Ecker seine Installation, die das Akademiemitglied eigens für diesen Raum entworfen hat (Pariser Platz 4, tgl. 10 - 22 Uhr, bis 25. Mai).

Wer hier Blicke in die Zukunft erwartet, wird allerdings enttäuscht. Das Material ist ausgesprochen banal und heutig. Die beigelegte Science-Fiction-Spielzeugpistole unterläuft augenzwinkernd alle Versuche, die Zukunft vorwegzunehmen. Auch eine Skizze namens „Prognose“, auf ein raumhohes Plakat vergrößert, beschränkt sich auf Stichworte: „Urbane Nomaden“, „Ameisen“, „genormte Kisten“, „verschwundene Kisten“, „geheime Kontakte“. Auf dem Plakat dahinter ein wirres Gebilde aus Kabeln und Steckern.

Es ist nicht das erste Mal, dass Ecker in die Zukunft greift. Seit elf Jahren arbeitet seine Tropfsteinmaschine in der Hamburger Kunsthalle an der Produktion eines Stalagmiten; Fertigstellung in etwa 500 Jahren. Klar: In die Zukunft kann man nicht blicken. Aber sollte die Stromzufuhr nicht abreißen, werden die Alltagsgegenstände in den Kühltruhen überdauern. Und damit kehrt Ecker jede Zukunftsneugier um. In den Blick gerät die Jetzt-Zeit. Kolja Reichert

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