Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Die Sirenen

der Schamanin

Viel Wesens um ein kleines Stück Musik: Nicht genug damit, dass die Orchester Schlange stehen, Kaija Saariahos gerade mal zwölfminütiges Stück „Mirage“ als Erstes aufführen zu dürfen, nein, das Deutsche Symphonie-Orchester hat in der Philharmonie gleich den ganzen Abend um die neue Preziose der Komponistin herum gestaltet. Weil Saariaho Finnin ist und in Paris lebt, gibt’s drumherum Sibelius und Debussys „La Mer“, und mit einer makellos gespielten Sechsten von Sibelius legt Dirigent Jukka-Pekka Saraste die Messlatte gleich schwindelerregend hoch. Mit der minimalistischen Strenge und Klangökonomie des späten Sibelius hat Saariahos Musik allerdings so gut wie nichts zu tun: Wo dort Bewegung und plastische Verdichtung aus kleinstteiligen Floskeln entstehen, geht bei Saariaho erst mal gar nichts voran. Das Stück, eine Art Konzertszene für Sopran und obligates Cello auf ein Gedicht einer mexikanischen Schamanin, schichtet kunstvoll bewegungsarme Klänge übereinander, gewinnt aus ihnen jedoch keine Energie. Sphärische Streicherklänge, verhalten geheimnisvolles Gerassel im Schlagwerk, dazu der diskrete Schmerz sirenenhafter Glissandi des Solocellos – geschmackvolles, wohlklingendes Dekor. Macht aber nichts, solange man Karita Mattila hat. Finnlands Superdiva macht die Petitesse zum Spektakel, pumpt die kargen Zeilen mit ihrem Turbosopran auf Überwältigungsgröße. So muss es gewesen sein, als die großen Opernsängerinnen des 19. Jahrhunderts ihr Publikum auch mit zweitrangiger Gebrauchsmusik noch zur Raserei bringen konnten. „I am the woman who flies“, schmettert Mattila. Man glaubt ihr sogar das. Jörg Königsdorf

WELTMUSIK

Das Fremdeln

der Deutschen

Charismatiker wie Nuri Karademirli, der Gründer des Konservatoriums für Türkische Musik Berlin, versuchen, die Volksmusik ihrer Heimat auch bei Deutschen populär zu machen. Einfach haben sie es dabei nicht. Im Haus der Kulturen der Welt beweist Karademirli mit seinem Chor, dem Instrumentalensemble und der Tanzgruppe, dass in diesem Orient und Okzident zusammenbringenden „Klangkulturen“-Konzert sich weniger der türkische Chor und das türkische Publikum beim Mitsingen deutscher Volkslieder umgewöhnen mussten. Die Unsicherheit findet sich eher auf deutscher Seite. Man fremdelt nicht nur mit den lebhaften Reaktionen türkischer Schüler auf die Melodien ihrer Heimat, sondern selbst mit den vom Rias-Kammerchor gesungenen Brahms- und Reger-Volksliedsätzen. Ist da nun Andacht gefordert oder Selbersingen? Man mag sich offenbar mit beidem nicht anfreunden. Matthias Nöther



POP

Das Keuchen

der Raubkatzen

Wird das Duo zum führenden Bandformat? Im elektronischen Pop längst etabliert, setzt sich die Zweierkonstellation auch im Rock langsam durch. Vorreiter wie die White Stripes haben den Aufwand für ein Konzert ja schon auf das gefühlte Minimum von Gitarre, Gesang und Schlagzeug reduziert, aber The Kills gehen noch weiter: Mit einem lässigen Pedalkick aktiviert Jamie Hince das Pochen der Rhythmusmaschine, schrabbelt dazu Bluestexturen auf seiner Höfner-Gitarre, während Alison Mosshart „You are a Fever“ ins Mikro keucht. Mehr braucht es nicht für einen großartigen Auftakt im ausverkauften Maria am Ostbahnhof.

Mosshart und Hince sind das Pop-Traumpaar der Stunde, gerade weil ihre Anziehungskraft sich nicht innerhalb einer Liebesbeziehung abspielt. Wenn beide wie Raubkatzen umeinander schleichen oder sich ihre Münder zu einem gesungenen Bühnenkuss treffen, kommt einem das ausgesprochen unplatonisch vor. Man kann nur hoffen, dass Hinces Freundin Kate Moss nicht zur Eifersucht neigt. Alison Mosshart ist weit mehr als die sexy Gesangsmaus, greift auch mal energisch in die Saiten. Und Jamie Hince ist ein begnadeter Minimalist: Er zermalmt Riffs wie gekochte Kartoffeln, ratscht minutenlang auf einem Akkord herum. The Kills komprimieren archaischen Blues, den Metal-Drogendreck der Stooges und die Breitwand-Gitarren von Sonic Youth zu coolen Indierock-Blockbustern im Schmalfilmformat. Jörg Wunder

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