Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

WELTMUSIK

Turbopolka und

Trinkerhymnen

Dramatische Szenen vorm Postbahnhof: Den Tränen nahe Fans bieten Fantasiepreise für Karten zum ausverkauften Konzert von Gogol Bordello. Zwei Stunden später kann man ihren Kummer nachvollziehen. Die multiethnische Truppe aus New York hat ein furioses Feuerwerk abgebrannt. Unter der Knute des dauerberserkernden Eugene Hütz, der mit Walrossbart, Schiffschaukelbremser-Outfit und Borat-Akzent wie die klischeeübererfüllende Figur aus einem Kusturica-Film wirkt, pumpt sich das Oktett durch einen wüsten Stilmix. Die als Party-Allzweckwaffe verwendbare Balkan-Turbopolka wird von Noise-Akkorden des famosen Gitarristen Oren Kaplan zerhäckselt, der Globalista-Pop eines Manu Chao mit Ska, Reggae und Punk verschnitten, mit allen Feuerwassern gewaschene Trinkerhymnen werden durch polonaisetaugliche Beschleunigungsschübe gejagt. Faszinierend ist der Zusammenprall der eher westlich geprägten Rhythmussektion (ein Ami, ein Äthiopier und ein Israeli) mit dem virtuosen, sehnsuchtsvollen Spiel der beiden Exilrussen an Violine und Akkordeon. Hütz indes ist die kleine Extraportion Wahnwitz: Mit schonungslosem Körpereinsatz schrottet er Mikrofone und Gitarrensaiten, dengelt auf Feuerlöscheimern rum, bechert Rotweinpullen leer und scheucht seine Band durch eine unglaubliche High-Speed-Zugabe. Jörg Wunder

OPER

Junges Blut

und altes Eisen

Mimì stirbt diesmal nicht. Nicht an diesem Abend in der Neuköllner Oper. Sie wird noch ein paar Jahre weitermachen, bis sie achtzig ist oder neunzig. Wird weiter zusehen, wie das Leben der anderen immer rasanter wird, während ihr eigenes dem Ende entgegenschlurft. Denn die junge, dahinsiechende Kranke aus Giacomo Puccinis Oper „La Bohème“ ist in Rainer Holzapfels Bearbeitung zur alten Dame geworden. In „Ihre Bohème“ (wieder am 6., 9., 12. April, jeweils 20 Uhr) haust Mimì (Gabriele Schwabe) mit Rodolfo (James Clark), Musetta (Renate Dasch), Marcello (Volker Schunke) und Colline (Eckhart Hedke) in einem Seniorenheim für ausgediente Sänger à la Verdis „Casa di Riposo per Musicisti“. Das Besondere: Fast keiner der Darsteller ist hier unter sechzig, so dass Rolle und Realität sich sanft vermischen. Mit diesem Projekt liegt die Neuköllner Oper voll im Trend der theatralischen Verarbeitung des Themas „Alter“. Dazu gehört, dass die Protagonisten des demografischen Wandels auf die Bühne zurückgeholt werden. Holzapfels Ansatz ist dabei nicht das prekäre Leben der Boheme, sondern die mit Mimìs Auftritt einsetzende Geschichte über die Vergänglichkeit des Lebens. Tobias Schwencke hat dafür Puccinis süßlich morbide, vom Vergangenen erzählende Musik auf Kammerensemblegröße (Leitung Kristiina Poska) ausgedünnt, wodurch sie mitunter so klingt, als habe sie ebenso wie die Sänger vierzig Jahre Bühnenerfahrung hinter sich. In diesem Seniorenheim, in dem Schaunard (Wieland Lemke) zum Zivi und Musettas eigentlich ältlicher Lover Alcindor (Dejan Brkic) zum Jungspund wird, rückt einem so die Geschichte über die Zeit, die am Ende noch bleibt, ganz nah. Dorte Eilers

THEATER

Gegenwartsangst

und Zukunftsgrusel

Die Achtziger waren schlimm, nicht nur wegen der Klamotten und der Musik. Es regierte in dieser Zeit eine furchtbare Angst. Atomkrieg! Alles verstrahlt! Eltern und Freunde pulverisiert! Horror! Aus dem Herzen dieser Hysterie stammt Harald Muellers Stück Totenfloß aus dem Jahr 1984. Deutschland nach dem Atomschlag. Vier Überlebende schleppen sich durch eine Endzeitlandschaft auf der Suche nach einem unverstrahlten Fleckchen Erde. Auf nach Xanten! Denn da soll man das Wasser noch trinken können. Auf einem Floß geht es den Rhein runter, vorbei an ausgestorbenen Trümmerstädten, während man in regrediertem Technosprech den Verstrahlungsgrad der Gegend debattiert. Die Studenten der Rostocker Hochschule für Musik und Theater lassen sich von der philosophischen Beckett-Stimmung, in die reichlich Fahrenheit-451-Grusel gemengt ist, gar nicht erst die gute Laune verderben. Sie rocken das Stück in der Kantine des Maxim Gorki als Konzert der sogenannten „Death Floaters“ in anderthalb Stunden runter. Nicht nur die Kostüme (Mascha Deneke), sondern auch die Zuckungen des Sängers Winfried Goos sind beeindruckend achtziger Jahre. Zwischen Moonwalk und Police-Minimalismus. Handlung, Geschichte, Verständlichkeit – all das zerbröselt zwar in den aktionistischen Spielszenen zwischen den Songs. Aber den Geist der Zeit bekommen die vier Nachgeborenen gut hin: Wie viel Kuschelspaß so eine Untergangsparanoia doch machen kann! Andreas Schäfer

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