Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

Schlingernd, laut

und fadenscheinig

Manchmal geht es am Hintereingang der Philharmonie zu wie an der Börse. Viele Tickets werden verbilligt angeboten für das Philharmoniker-Konzert mit Anton Bruckners Fünfter Symphonie, bei dem Herbert Blomstedt den erkrankten Nikolaus Harnoncourt am Pult ersetzt. Dabei hat Blomstedt unlängst beim Deutschen Symphonie-Orchester mit Bruckner triumphiert, ein gemeinsamer Symphonien-Zyklus wurde verabredet. Auch hat der Maestro ein Alter erreicht, das letzte Aufschlüsse über das rätselhafte musikalische Gewirk verspricht, so wie einst bei Sergiu Celibidache oder Günter Wand, die die Fünfte erst nach jahrzehntelangem Umkreisen dirigierten.

Blomstedt lässt die Musik bedächtig den Raum ergreifen. Die bindenden Kräfte zwischen den Pizzicati des Beginns scheinen aufgebraucht, die Generalpausen wirken eher wie ein Verschnaufen, als dass sie Spannung aufbauen. Die Brisanz von Bruckners blockhaftem Satz mit seinen jäh aufragenden Felswänden und tiefen Gletscherspalten schleift Blomstedt ab, ohne dabei eine schlüssige ästhetische Alternative anzubieten. Nicht schönheitstrunken, nur etwas schlingernd, nicht strahlend, nur etwas laut, nicht abgründig, nur hier und da fadenscheinig. Den Chorälen fehlt ihr weißglühender Kern. So bleiben die Philharmoniker an einem Abend, der alles von ihnen verlangt, letztlich unterfordert. Ein Bruckner im Ungefähren kann diese Musiker mit ihrer Lust, an Grenzen zu gehen, nicht in Rausch versetzen. Ulrich Amling

THEATER

Temperament,

Zorn und Spaß

Der „Eingebildete Kranke“ von Molière entzieht sich dem schnellen Urteil. Ist Argan ein Machtmensch, der Unterwerfung fordert, ein Einsamer, der nach Zuwendung giert, ein Hypochonder, der sich verrannt hat? Barbara Abend rückt Argan im Theater im Palais ins Zentrum einer bösen Manipulation, macht ihn zu einem Wüterich, der selbstsüchtige Menschen nur so anzieht. Dieser Deutung entspricht die besondere Arbeitsweise des kleinen Theaters am Festungsgraben – fünf Darsteller spielen zehn Rollen, nur Argan ist ein Solitär. Die anderen wechseln Kostüm, Maske, Charakter hurtig und gut trainiert, verwandeln sich in immer neue Angreifer, die den „Kranken“ aus der Reserve locken, für sich gewinnen, umdrehen und ausschalten wollen. Keine lustige Geschichte, wiewohl Ute Falkenau am Klavier das Komödiantische mit ihrer Musik klug unterstreicht. Argan (Jens-Uwe Bogadtke) sitzt im weiß bedeckten Schaukelstuhl in der Mitte eines Glaskastens, um den schmale Gänge führen, zum Herumgeistern, zum Verbergen hinter Jalousien. Ein hervorgehobener, scheinbar luftiger Ort (Bühnenbild Ute Rathmann), der den Titelhelden zum Ausstellungsstück macht. Herein und heraus huschen Zofe, Frau, Töchter, Ärzte, Liebeshungrige, es wirbelt nur so um den verzweifelten, nach irgendeiner Identität suchenden Mann. Temperament ist da. Auch Zorn und Spaß, bis zum fahl karnevalesken Ende, an dem Argan sich in einen Arzt verwandelt – der letzte Betrug. Christoph Funke

POP

Würgen, rumpeln

und vermatschen

Boxen und Marshall-Amps sehen zerfleddert aus, schwer gezaust von den Jahren „on the road“. So wirkt auch die Band: fossile Gesichter, schulterlange Haare, Lederweste, T-Shirts, Jeans, Sonnenbrille. Finstere Mimik, keine Regung. Bassist Dick Peterson knurrt im Knaack nur: „Hello Berlin, this is what we do!“ Höllenlautstärke, lauter als Motörhead. Schweres Rumpeln und Poltern. Würgender Krähengesang. Blue Cheer rühmen sich, die „erste lauteste Band der Welt“ gewesen zu sein. Zu mehr hat es aber nicht gereicht, später wurde ihr hölzernes Gehacke mühelos getoppt von Cream, der Jeff Beck Group und Led Zeppelin.

Deren herausragenden Gitarristen hatten die kalifornischen Krawalleros nichts entgegenzusetzen. Heute tun sie einem fast leid, dass sie das im hohen Alter immer noch versuchen müssen. Dass sie immer noch den unschuldigen Mose Allison mit ihrer Erdbeben-Version von „Parchman Farm“ zerlärmen. Dass sie geborgte Hendrix-Riffs mit mahlenden Unterkiefern endlos zergniedeln, dass sie Einsätze verpoltern, Breaks zermatschen, in der Pampe den Punkt nicht finden. Dass sie in ihrer altbackenen Coolness so humorlos sind. Nach neun Songs und 75 Minuten ist es vorbei. Die paar wenigen Fans hatten ihren Spaß. Das ist ja auch schon was. H. P. Daniels

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben