Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg W,er

POP

Mit geschlossenen

Augen

Auf der Suche nach unverbrauchten Stimmen ist die Werbebranche kürzlich bei Simone White fündig geworden und hat ihren „Beep Beep Song“ für einen TV-Spot verkauft. Ein schlechter, aber hoffentlich für die Künstlerin lukrativer Witz, denn diese zerbrechliche Musik kann man nicht mal ansatzweise mit dem martialischen Auftritt des beworbenen PS-Boliden zusammen denken. Im Roten Salon am Rosa-Luxemburg-Platz tritt die 38-jährige Amerikanerin, die mit schwarzem Trägerkleidchen nicht älter als 25 wirkt, ganz allein auf, begleitet ihren fein oszillierenden Gesang lediglich mit sparsamstem Gitarrengeplucker. Immer wieder wirkt sie verlegen ob der ihr entgegenschlagenden Sympathie. Simone White singt, meist mit geschlossenen Augen, mit anrührender Innigkeit und einer Stimme, die irgendwo zwischen Suzanne Vega, Rickie Lee Jones und der frühen Joni Mitchell zu verorten ist. Ihre Lieder speisen sich aus dem Reichtum des American Songbooks, sie covert alte Blues- und Folk-Stücke und verwebt traditionelle Motive zu einer eigenen, melancholischen Liedsprache, zu einer zeitgenössischen Folk-Intimität.

Das Publikum lauscht dem zarten, stets vergänglich wirkenden Vortrag hingebungsvoll. Kein Gequatsche, kein Gläserklirren. Als in die ergreifenden Schlusszeilen von „Roses are not red“ ein Mobiltelefon düdelt, ist es dem Verursacher hochnotpeinlich, aber eigentlich gar nicht schlimm, weil sich die Anspannung in einem befreienden Lachen löst. Nach 75 Minuten steht sie wie betäubt vor dem begeistert applaudierenden Publikum. Sie sieht glücklich aus, aber auch erleichtert, dass es vorbei ist. Jörg Wunder

KLASSIK

Auf der äußersten

Umlaufbahn

Der Geiger Kolja Blacher, der Bratscher Wolfram Christ und der Cellist Clemens Hagen holen ihr Publikum an diesem Abend im Kammermusiksaal dort ab, wo es sitzt – in der musikalischen Gegenwart. Alfred Schnittkes Musik trifft auch zehn Jahre nach seinem Tod den Hörnerv des Publikums, ist spürbar brisant. Die Unsicherheit heutiger Konzertbesucher, die sich in der Neuen Musik nach alter Schönheit, ja nach Sinngebung sehnen und doch nur mit einer bedingungslos sich zerstörenden und erneuernden Moderne konfrontiert werden, diese Unsicherheit hat Schnittke seinem Streichtrio von 1985 so simpel wie luzide einkomponiert. Eine mozartisch erhabene Klangfigur wirkt wie ein natürliches Gravitationsfeld, aus dem die Musiker mitsamt ihrem Publikum immer wieder herausgeschleudert werden. Doch immer wieder gelingt der Rückzug in ein Piano, das bewusster und mannigfaltiger schattiert kaum musiziert werden kann. Die Unbeirrbarkeit der Interpreten in ihrer klassischen Spielweise sorgt dafür, dass man somit nie gänzlich in die freie Umlaufbahn geschossen wird.

Ganz anders bei den Beethoven-Trios op. 9. Im c-Moll-Trio schleudert Beethoven seine Protagonisten weiter aus der Umlaufbahn als zuvor Schnittke. Blachers aufschießende Sechzehntel klingen zum Teil unkontrolliert, sein Wechselspiel mit der Bratsche nicht immer ausgehört. Beim G-Dur-Trio findet man in die Umlaufbahn zurück, doch die Verunsicherung bleibt. Beethoven bereitet seine Spieler und Hörer nicht so sanft auf den rabiaten Einbruch der Moderne vor wie Schnittke. Matthias Nöther

POP

Mit geballter

Power

Am Anfang stehen die üblichen Beteuerungen: Wie froh sie sei, sagt Barbara Schöneberger immer wieder, in Berlin zu sein und hier ihre Tour zu beginnen. Phrasen, rasch dahingeworfen. Doch die Herzen des Publikums im Tempodrom hat die „Blondes Gift“-Moderatorin innerhalb kürzester Zeit erobert. Dafür sorgt schon die gehörige Portion Selbstironie, die sich im Titel ihrer 33-Städte-Tour widerspiegelt: „Jetzt singt sie auch noch!“

Und singen kann sie, mit dunkel-vibrierender, kerniger, einen Hauch prolliger Stimme covert sie Songs von Tom Jones, Billy Joel, Hildegard Knef, Eartha Kitt und John Lennon, kokettiert mit ihrer Unbedarftheit und legt dabei en passant einige Mechanismen des Showbusiness bloß. Stolz zeigt sie auf die Zettel, die am Bühnenboden kleben, damit sie bei der Moderation nichts vergisst. An ihren Klamotten lässt sie kein gutes Haar („Früher sah ich aus wie eine überfahrene Katze auf der Straße – man konnte nicht hingucken, man konnte aber auch nicht weggucken“). Ihren Dirigenten Joris Bartsch Buhle ermuntert sie mit den Worten „Mach weiter so, ich habe das Gefühl, die Leute sind gleich begeistert“. In dessen Berlin Pops Orchestra sind bei 14 Musikern eine Menge Klangfarben vertreten, nur leider haben die drei Streicher einen schweren Stand gegen die geballte Power von Posauen, Trompeten und drei Saxofonen. Das Publikum indes steht kopf. „Barbara, du warst wunderbar“, ruft ein Mann für alle hörbar von den Rängen. Sie ist gerührt: „Ich wollte unbedingt hier in Berlin beginnen, und das habe ich gemacht.“ Und auf einmal glaubt man ihr diese Beteuerung. Udo Badelt

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