Kultur : KURZ & KRITISCH

Sybill Mahlke

KLASSIK

Reiz aus

der Schweiz

Der Barockspezialist Giovanni Antonini dirigiert Beethoven. 2004 hat er auf Einladung Simon Rattles mit den Berliner Philharmonikern seine Brillanz vorgeführt, die Miniform einer Piccoloblockflöte zu spielen. Keine Zirkusnummer, sondern schöne Musik von Vivaldi. Ins Konzerthaus begleitet ihn das Kammerorchester Basel, um sich über die Mozartzeit zu Beethovens Fünfter vorzuarbeiten. Bühnenluft wird fühlbar, wenn eine Ouvertüre von J. M. Kraus, einem Altersgenossen Mozarts, zu der Voltaire-Tragödie „Olympie“ erklingt. Adagio, Pianissimo, Theatersituation. Drei Jahre jünger ist der Franzose Devienne, der sich seine melodischen Flötenkonzerte selbst geschrieben hat. Ein „Heimspiel“ für den Berliner Philharmoniker Emmanuel Pa hud aus der Schweiz, mit dem Gastorchester aufzutreten. Großer Jubel. Dem folgen Mozart (KV 315), als Zugabe Debussy. Dann der c-Moll-Beethoven. Die Aufführungspraxis der Basler nähert sich der Symphonie mit dem grazilen Klang, der aus dem 18. Jahrhundert kommt. Zündend wird diese Spielweise im Fugato des dritten Satzes, weil Bachischer Kontrapunkt den instrumentalen Charakter bestimmt. Antoninis Dirigat ist diesmal aufwändiger als in der Barockmusik. Auf die Gefahr hin, dass die Form ins Unvermittelte gleitet. Und mit ihr jene Angespanntheit des Willens, die aus Beethovens Musik spricht. Sybill Mahlke

ARCHITEKTUR

Immer an der

Wand lang

Angesichts manch oberflächlicher Fassadendiskussion gerät leicht in Vergessenheit, dass Architektur vor allem Räume schafft. Sie wirken durch ihre Form wie die verwendeten Materialien und Farben. Das beweist die Ausstellung Hybrid, mit der die Architekten Antje Freiesleben und Johannes Modersohn gemeinsam mit Katrin von Maltzan in der Architektur-Galerie Berlin eine spannende Versuchsanordnung entworfen haben (Karl-Marx-Allee 96, bis 3. Mai, Katalog 10 €). Dazu haben sie den white-cube der Galerie in drei kleinere Räume aufgeteilt: Den Eingangsraum zeichnet eine grünliche Rückwand aus Stein aus, die dem Entree eine kühl sachliche Note verleiht. An den Stirnwänden der Seitenräume sind Katrin von Maltzan „Stills“ zu sehen: Aus Kreisen komponierte Bilder in Primärfarben, die an den Blick durch ein Kaleidoskop oder Mandalas erinnern. Während sich die Stills in dem einen Raum zu einem großen Bildfeld zusammenfügen, erweisen sie sich in dem anderen als ein additives System unterschiedlicher Motive. So wird für die Besucher unmittelbar erlebbar, wie unterschiedliche Raumstimmungen entstehen. Jürgen Tietz

THEATER

Gaby vor dem

Glitzervorhang

Das gab’s schon lange nicht mehr: Gleich im ersten Bild eine Nackte. Wie vor zehn, fünfzehn Jahren, zur Hochzeit des Rumpel-Regietheaters. Luise Berndt also hockt als Gaby vor einem Glitzervorhang im 3. Stock der Volksbühne und sagt: „Immer cool sein, immer geil sein. Das ist nicht meine Welt.“ Aber was soll sie machen? Kommt aus der Provinz, jobbt als Kellnerin in der Psychiatrie, will aber – was sonst? – Popstar werden. Deshalb: „Durch meinen Rock falle ich auf. Scheißzustand eigentlich.“ Drei Verlorene lässt Tobias Schwartz in der Bühnenadaption seines Romans „Film B“ erregt aneinander vorbei leiden. Neben Gaby ist das der hochsensible Psychiatrie-Insasse Lars und der rabiate Pfleger Stefan. Die Psychiatrie ist allerdings nur am Anfang Ort der Handlung und dient Schwartz vor allem dazu, auf Berlin-Klischees herumzureiten. Erstens: Die ganze Stadt ist eine offene Anstalt. Zweitens: Hier ist das Leben wild (toll!) und unwirklich (traurig!), als wär’s ein Film. Also: Rein in die Clubs und gleich weiter zum Oralsex aufs Klo. Und her mit dem iPod für die Traurigkeit danach. Es ist schon unappetitlich, wie sich hinter der vorgeblichen Darstellung autistischer Charaktere der Stolz des Autors in den Vordergrund wälzt, Teil dieser cool-kaputten, ach so interessanten Metropolenwelt zu sein. Regisseurin Vanessa Jopp, die sonst Filme dreht, hat die auf der Stelle tretende Vorlage durch diverse Musik- und Tanzeinlage in Fluss gebracht und den Schauspielern mit einer Packung Margarine was zum Spielen in die Hände gegeben. Interessanter wird dieses Bad in der Berlin-Mitte-Befindlichkeit dadurch nicht. Andreas Schäfer

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