Kultur : KURZ & KRITISCH

Kolja Reichert

ROCK

Unter Playback-Verdacht

Die Band entzückt schon durch ihr Äußeres: zwei kraushaarige Zwillingsitaliener, einer davon im Matrosenoberteil, und eine Japanerin, so selbstvergessen wie eine Elfjährige beim Karaoke. In lila leuchtendem Nebel haucht Kazu Makino, als würde sie die Gefühle, um die es in ihren Texten geht, noch gar nicht kennen. Unter den metallenen Licks ihres Gatten Amedeo Pace und dem blechernen Schlagzeug von dessen Bruder Simone pluckert es wie von einem Spieluhr-Orchester. Anfang der Neunziger von Sonic-Youth-Drummer Steve Shelley entdeckt, haben sich Blonde Redhead mit ihrem Shoegazer-Pop ein eigenes Traumreich erspielt. Das aktuelle Album „23“ verwischt die rauen Gegensätze der alten Platten in Heiterkeit, unter der der Wahnsinn lauert. Live kommen Songs wie „Dr. Strangeluv“ und „SW“ derart albumgleich daher, dass der Verdacht naheliegt, hier sei Playback am Werk.

In Wahrheit verbirgt sich hinter der Bühnenshow ein einzigartiger Perfektionismus. Simone steuert während des Trommelns Samples und Backing Vocals, die Gitarren werden durch mehrere Verstärker geschleift, mancher Effekt ist eigens für Amedeo entwickelt. Wie schon letzten Juni im Fritz Club ist das Ergebnis in der Maria am Ufer makellos und bezaubernd. Höhepunkt: die B-Seite „Harry & I“, hypnotischer Hendrix-Voodoo-Rock über Makinos Pferd. Ihre eigentliche Leidenschaft ist nämlich, wie charmant, das Kunstreiten. Kolja Reichert

KLASSIK

Tobendes Alphatier

Von seinem Debüt im „Deutschlandradio“ dürfte Ludovic Morlot wohl noch eine Weile schlecht träumen. Über den Anteil, den der ehemalige Assistent beim Boston Symphony Orchestra am unglücklichen Einstand in der Philharmonie hat, kann man fairerweise nur spekulieren. Sicher ist hingegen, dass ihm das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin die Aufmerksamkeit verweigert. Tief beugen sich die Köpfe über die Notenpulte, und selbst bei der Aufforderung zum Aufstehen für den Einzelapplaus wird Verwirrung zur Schau gestellt. Was immer auch vorgefallen sein mag: eine derart uninspirierte, rhythmisch unscharfe, dynamisch gleichförmige Darbietung von Strawinskys „Jeu de Cartes“ nimmt man dem DSO nicht ab. Hut ab für den 1981 geborenen Violinisten Antal Szalai, der unter diesen Voraussetzungen den Solopart von Glasunows Violinkonzert mit warmem Ton und guten Nerven darbietet. Dann tritt der 1980 geborene russische Pianist Alex Kobrin vor das Orchester. Äußerlich wie ein schüchterner schmaler Mathematikstudent wirkend, lässt er an den Tasten das virtuose Alphatier toben. Und nicht nur das: Schon in der halb gesprochenen und halb gesungenen Eröffnung von Schostakowitschs zweitem Klavierkonzert bringt er eine ernsthafte Intensität zum Ausdruck, hat er buchstäblich so viel zu sagen, dass Dirigent, Podium und Publikum endlich in einem Gefühl gespannter Aufmerksamkeit zusammenfinden. Carsten Niemann

KUNST

Biss in die Gurgel

Out of Budapest – und doch ein bisschen zu Hause, das sind die renommierten ungarischen Künstler Gábor Gerhes und Gábor Roskó. Sie präsentieren ihre Arbeiten im Neubau des Collegium Hungaricum Berlin, der bereits vergangenes Jahr eingeweiht wurde. Nun zieht die Gegenwartskunst in das Wissenschafts- und Kulturzentrum ein: mit der Eröffnung der Moholy-Nagy-Galerie und – hoch die Gläser – einem doppelten Gábor (Dorotheenstr. 12, bis 12. 5., Mo–Fr 10–18, Sa, So 14–19 Uhr). Für Weltkünstlertum steht der Namenspatron: László Moholy-Nagy (1895–1946) kam aus Ungarn, lehrte am Bauhaus, emigrierte 1937 in die USA. Sein legendärer Experimentiergeist gibt die Richtung für die neue Berliner Ausstellungsadresse vor: „Wir wollen Künstler vorstellen, die im Material ihrer Werke nach innovativen Aussagen suchen“, sagt Veruschka Baksa-Soós, künstlerische Leiterin der Galerie.

Gábor Roskó, 50, formt Figurinen aus Porzellan, Mischwesen aus Mensch und Tier, mit edlem Meißner-Touch. Die zehnteilige Skulpturengruppe „Minjan“ ist vom Alten Testament inspiriert. Abraham und Moses treten auf, matt gebrannt oder mit glänzender Glasur. Kain und Abel sind Füchse, der Brudermord: ein Biss in die Gurgel. Die Bilder von Gábor Gerhes, 46, sind Wolken aus Plexiglas mit Piktogramm-Motiven. So strecken zwei Herren in Papst-Manier die Arme aus, unter der Überschrift „Diverse Segen“, was auch noch trefflich zur Taufe der Moholy-Nagy-Galerie passt. Jens Hinrichsen

ARCHITEKTUR

Sprechende Städte

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Berlins dreieinhalb Millionen Einwohnern stehen gut acht Millionen New Yorker gegenüber, und bei den Museen fällt der Vergleich noch deutlicher aus. Den 170 hiesigen Ausstellungsorten stehen 1900 in NYC gegenüber. Immerhin, bei den Kinos hat Berlin mit 279 zu 143 die Nase vorn. Solche Zahlenspiele begleiten den Versuch des Deutschen Architektur Zentrums, die beiden Metropolen in der Ausstellung Berlin – New York Dialogues miteinander zu vergleichen (Köpenicker Str. 48/49, bis 4. Mai, Di–Fr 12–19, Sa, So 14–19 Uhr). Beide Städte befinden sich in einem Transformationsprozess, der in der Ausstellung anhand dreier Stadtquartiere beleuchtet wird. Es ist aber nicht das Ziel, Bilder spektakulärer Neubauten vorzustellen, vielmehr wird der städtische Kontext untersucht und nach Bewohnern und urbanen Freiräumen gefragt. Damit verbunden ist die Schwierigkeit, den urbanen Umbau- und Wiederbelebungsprozess durch öffentliche Interventionen (mit) zu steuern. Das klingt trockener als es präsentiert wird, spiegelt sich doch in den Transformationsprozessen das Verständnis der zukünftigen Stadt wider. Jürgen Tietz

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