Kultur : KURZ & KRITISCH

Christine Wahl

THEATER

Der hohe

Goethe-Ton

Nachdem Frank Castorf vor ein paar Wochen sein „Faust“-Projekt verworfen und lieber Eduard Limonows Achtzigerer-Jahre-Skandalroman „Fuck off, Amerika“ inszeniert hatte, fragt die Volksbühne sich jetzt doch noch mit gebotenem Ernst, was die Welt im Innersten zusammenhält: Die Schauspielerin Silvia Rieger ist für den Intendanten in die Bresche gesprungen und hat das Dramenungetüm Faust II nicht nur inszeniert, sondern fast im Alleingang gespielt. Lediglich ihr Kollege Michael Klobe ist Rieger auf dem personalreichen Weg von der Kaiserpfalz bis zu Faustens Ende behilflich. Man bekommt hier einen jener das Wort heiligenden Theaterabende zu sehen, für die der Begriff Minimalismus noch untertrieben ist: Rieger und Klobe spielen ihr auf zweieinhalb Stunden gestrafftes „Faust-II“-Extrakt gänzlich requisitenfrei auf der leeren Vorderbühne vor dem eisernen Vorhang – und schätzungsweise hundert Leuten im Parkett. Klobe – goethefein im schwarzen Anzug – gewinnt dank seiner Trockenheit und seines nicht auf Anhieb „Faust“-verdächtigen Erscheinungsbildes der Gelehrtentragödie fast zwangsläufig ungeahnte Facetten ab. Und Rieger rennt und hüpft durch die Rollen, krümmt sich am Boden und bringt mit großer Ernsthaftigkeit Fausts finalen Monolog tatsächlich als der Weisheit letzten Schluss über die Rampe. Der nahezu ungebrochen hohe Goethe-Ton – im Volksbühnen-Kontext eine echte Freak-Veranstaltung! (Wieder am 18. 4., 21 Uhr, sowie 5. und 16. 5., 20 Uhr) Christine Wahl

THEATER

Der schrille

Psycho-Thriller

Steinke ist fällig. Weil er allzu tüchtig ist. Der Chef schickt ihn, vor geplanter Entlassung, samt Familie in Urlaub in die Bayrischen Berge. Dort wird Steinke zu Tode kommen. Oliver Bukowski hat diese hinterlistig heitere Managergeschichte unter dem in die Irre führenden Titel Steinkes Rettung aufgeschrieben – als Kriminalhörspiel und Psychothriller. Es ist ein auf Andeutungen bauender Text, offen für viele Deutungen, weil alles der Fantasie des Hörers überlassen bleibt und nur von Geräuschen gestützt ist. Anders im Theater, da nehmen Schauspieler dem Vieldeutigen seinen Reiz. Hans-Joachim Frank versucht im theater 89 den Widerstand des Textes gegen Versinnlichung zu brechen, mit einigem Erfolg. Im fast schwarzen, in mehrere Spielebenen unterteilten Bühnenraum (Anne-Kathrin Hendel) entstehen im Scheinwerferlicht auf magische Weise Orte und Situationen, die emotionale Umbrüche und Abstürze spiegeln. Bukowski legt wie im Minutentakt Verhaltensweisen in der heutigen Wirtschaftswelt auf eine Familie um. Diesem schnellen Rhythmus folgt die Inszenierung. Erfolg, Versagen, Liebe, Hass, Vertrauen, Betrug werden durcheinandergewirbelt, bis zum blutigen Finale.

Konkret vorzeigbar ist das oft nicht, denn Bukowski setzt auf hemmungslose Absurdität. Macht man die Thriller-Versatzstücke auf der Bühne „wirklich“, droht das Abgleiten ins Banale. Dennoch, was die Darsteller (unter ihnen Bernhard Geffke, Angelika Perdelwitz, Sonja Hilberger) im punktgenauen Erfassen und „Ausleuchten“ der rasch aufeinander folgenden Episoden leisten, macht den Abend anregend und auf gescheite Weise unterhaltsam. (Wieder am 11., 12., 18. April) Christoph Funke

KUNST

Das kalte Herz

im Sturm

Kaltes Neonlicht stürzt zwischen Plastikplanen auf grauen Beton. Die Atmosphäre der Ausstellung Katastrophenalarm in der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst (Oranienstr. 25, bis 18. Mai) ist alles andere als kuschelig und ihrem Thema damit äußerst angemessen. Siebzehn Künstler stellen sich hier die Frage, wie ökologische Katastrophen medial inszeniert und politisch instrumentalisiert werden. Lösungsansätze oder Zukunftsvisionen wird man nicht finden, aber eine kluge Diagnose. Die Fotos von Claudia Mucha spielen mit der Verwandtschaft von Schönheit und Verwüstung, indem sie den deutschen Wald und die Auswirkungen des Sturms „Kyrill“ in einer Ästhetik der Zerstörung bannen. Ähnlich arbeitet Cornelia Hesse-Honegger in ihren Aquarellen: Schillernd und exotisch sehen sie aus, diese farbenfrohen Gebilde - und sind doch durch Nuklearverseuchung mutierte Wanzen. Diese Grenzverschiebung zwischen Sein und Schein ist auch Ausgangspunkt der Installation von Lise Skou und Nis Rømer. Ihre Filmtrailer führen vor, wie Unternehmen den Klimawandel in ihre Vermarktungsstrategien einbinden und dadurch ökonomisch zu nutzen wissen.

In einer Zeit, in der die Bilder stürmen und fluten, ist der Grat zwischen Informieren und Konstruieren schmal geworden. Auch für den Umgang mit dem Klimawandel gilt: the medium is the message. Diesen Aspekt vielschichtig zu beleuchten, ist die Stärke der Ausstellung. Und gleichzeitig ihre Schwäche. Denn das Film- und Tonmaterial rauscht und lärmt mitunter beträchtlich. Ein „Ort der Reflexion“ möchte sie sein, zum Verweilen lädt sie dabei nicht ein. Die Impulse, die sie gibt, reflektiert man lieber außerhalb. Kerstin Roose

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