Kultur : KURZ & KRITISCH

Sandra Luzina

TANZ

Verführung und

Widerspenstigkeit

Die Batsheva Dance Company gilt als kulturelles Aushängeschild Israels. Unter der Leitung von Ohad Naharin hat die Truppe sich Weltruhm ertanzt. Mit einem neuen Naharin-Triptychon trat das Ensemble nun im Rahmen der Reihe „Begegnungen – 60 Jahre Israel in Berlin“ im Haus der Berliner Festspiele auf. „Drei“ ist ein unverwechselbarer Batsheva-Abend. „Bellus“ basiert auf der Aria aus Bachs Goldberg-Variationen, die in der legendären Interpretation von Glenn Gould zu hören ist. Naharin, der sich heftig an der Musik reibt, postuliert einen eigenwilligen Begriff von Schönheit. Er akzentuiert scharf die einzelnen Bewegungen, und die wirken keineswegs vergeistigt, sondern oft sperrig, wuchtig, widerspenstig. „Humus“ zur Ambient Music Brian Enos ist für neun Frauen choreografiert. Sie spielen mit Gewicht und Schwerkraft. Diese Frauenbewegung ist analytisch, aber auch verführerisch. „Secus“ versammelt alle 17 Tänzer auf der Bühne und lebt von der Spannung zwischen Individuum und Kollektiv. Zu sehen sind jähe Explosionen von Energie. Das Bewegungsidiom ist zersplittert, oft gestisch überhöht. Naharin lässt die Akteure einzeln hervortreten, sie stellen eine Emotion aus oder einen Körperteil. Der Zeigegestus ist manchmal etwas penetrant. Doch an den Tänzern kann man sich nicht sattsehen. Sandra Luzina

OPER

Hybris und

Blasphemie

Wer geglaubt hatte, dass Alte und Neue Musik schon am ersten Abend des zweiteiligen Musiktheaterprojekts „Sylvanos Spiegel“ in einen Dialog treten würden, wundert sich. Alessandro Scarlattis barocke Kantate „Poi che riseppe Orfeo“ wirkt zunächst wie ein bloßes Vorspiel zur deutschen Erstaufführung von Sylvano Bussottis „Silvano Sylvano“. Beziehungslos ist das Aufeinandertreffen der Stücke sowie der Interpreten von work in progress und der Lautten Compagney Berlin im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses dennoch nicht. (Teil I wieder am 25.4., Teil II heute und am 26.4.)Die Kantate zeigt einen Orpheus (hervorragend: Stefanie Wüst), der von der grenzenlosen Hybris des Künstlers befallen ist – so sehr, dass er sich noch vor der Befreiung Eurydikes an der Wirkung des eigenen Dankgesangs berauscht. Indem Bussotti in die Orpheus-Rolle gedrängt wird, erscheint der Narzissmus des einstigen Bürgerschrecks in einem allgemeingültigen Zusammenhang. Andererseits macht die Gegenüberstellung auch bewusst, dass Bussottis Kunst selbst historisch zu werden droht. So einfühlsam das Stück von Gisbert Jäckel in Szene gesetzt ist: Seine Homoerotik und sein sanft blasphemisches Jonglieren mit Versatzstücken geistlicher Mysterienspiele reichen nicht aus, um im Berlin des Jahres 2008 theatralische Spannung zu erzeugen. Orpheus wurde jedenfalls erst unsterblich, nachdem ihm die Bacchantinnen den Kopf abgerissen hatten. Carsten Niemann

DESIGN

Fabulieren und

Dechiffrieren

Buchstaben tanzen Mambo, Texte mutieren zu Bildern, drehen sich im Kreis oder zerfallen zu Wörter- und Zahlenpuzzles. Das Erfolgsgeheimnis der Plakatgestalter und Grafikdesigner Ott und Stein könnte ihr Vertrauen in die Dechiffrierlust des Betrachters sein, der sich die Botschaft selbst im Kopf zusammensetzt. Gemeinsam mit dem Duo blickt die Kunstbibliothek zurück auf 30 Jahre Buchgestaltung, Plakate und Logos (Matthäikirchplatz 6, bis 15.6., Katalog 45 Euro). Nicolaus Ott und Bernhard Stein lernten sich im Studium an der HdK Berlin kennen. 1978 gründeten sie ihr Designbüro am Ort. Im Team spielte Ott eher seine Qualitäten als Typograf und Systematiker aus, während Stein sich als fabulierfreudiger Zeichner zeigte. Für ihre erste Plakatserie im Auftrag der Staatlichen Museen setzten Ott und Stein auf große Schwarzflächen, auf denen klein Nofretete, Buddha oder ein Ellsworth-Kelly-Gemälde prangten. An der oben vermeintlich hingekritzelten Schreibschrift tüftelten sie Wochen. Keineswegs aber wurde der Geniestreich zur Masche, wie die Fülle an Grafikdesign-Beispielen in der Jubiläumsausstellung beweist. Jens Hinrichsen

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