Kultur : KURZ & KRITISCH

Thomas Lackmann

KABARETT

Zweifeln

lernen

Kamera läuft: Thomas Freitag rettet das Abendland. Umgibt sich mit Bach-Einspielungen, Caspar David Friedrichs „Frau vor untergehender Sonne“, Dürers Hasen und einer halb vollen Flasche Rotwein. Lässt Schillers „Glocke“ von Publikums-Chören deklamieren. Versammelt auf der Bühne der Distel: eine schwarze Perücke alias Ulla Schmidt, den Bundestag beim proporzpolitisch-korrekten Redigieren von „Rotkäppchen“, die Telefonzentrale der globalmobil unter jedem Vorwand einsatzbereiten Servicezentrale „Jungs Waffenblitzer“, den als Türken verkleideten Rentner am schwarzen Arbeitsmarkt und den coolen Papst im Caféhaus.

„Die Angst der Hasen“ heißt das Programm des Brettl-Profis: Politpromi-Bashing für Schenkelklopfer, gemischt mit melancholisch-tolerantem Selbstbewusstsein und nützlicher Allgemeinbildung. Unser Gesundheitssystem habe Bismarck eingeführt zur Schwächung der SPD, sagt Freitag, die schwäche sich aber nun selbst. Da könne man das Gesundheitssystem gut wieder abschaffen. Das ist Ironie. Erkennt eure Werte!, will der Kabarettist sagen. Die Islamisten, sein virtuelles Publikum hinter der Kamera, bittet er: Zerstört uns nicht, das tun wir selbst. Muslime sollen Europa übernehmen, sich satt und dekadent wie wir nur noch mit sich selbst beschäftigen und so das Zweifeln lernen. Bis dahin allerdings könne man entspannen, die „21 Gramm schwere Seele“ samt religiöser Wahrheitsfragen nicht so wichtig nehmen und gemeinsam „Bach hören, bis der Arzt kommt“. Abendland gerettet? Flasche leer. Thomas Lackmann

ARCHITEKTUR

Von Braunschweig

lernen

Lange bevor die „Berliner Schule“ in den neunziger Jahren die Architektur versteinern ließ, machte die einflussreiche „Braunschweiger Schule“ sie in den 1950er Jahren transparent. Mit Friedrich Wilhelm Kraemer (1907–1990) wird nun einer ihrer bedeutendsten Vertreter mit einer schönen Werkschau unter dem Titel Gesetz und Freiheit in der Niedersächsischen Landesvertretung geehrt (bis 19. 4., Katalog: Jovis Verlag, 39,80 €). Anhand von Fotos, Originalentwürfen, Videos und knappen Texten fächert die Ausstellung Kraemers umfangreiches Werk auf und unterschlägt dabei auch nicht seine frühen Erfolge mit heimattümelnden Bauten im „Dritten Reich“. Nach dem Zweiten Weltkrieg orientierte sich Kraemer an Vorbildern aus Skandinavien und den USA. Vor allem Mies van der Rohes reduzierte Formensprache nahm er bei seinen konsequent modernen Bauten auf.

Mit der Kuppel der Jahrhunderthalle in Hoechst (1960/62) verwirklichte er eine der Ikonen der bundesdeutschen Nachkriegsarchitektur, aber auch die „eigene“ Hochschule, an der er in Braunschweig lehrte, gestaltete er mit. Zudem entstanden zahlreiche Geschäftshäuser mit weiten Glasflächen, die eine sympathisch lichte Filigranität auszeichnet. Doch Kraemer setzte sich auch mit dem vom Krieg zerstörten Baubestand auseinander: So widmete er sich dem Wiederaufbau des Marstalls in Braunschweig und gestaltete die berühmte Bibliothek in Wolfenbüttel um. Jürgen Tietz

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben