Kultur : KURZ & KRITISCH

Eva Kalwa

THEATER

Wer schweigt,

überlebt

Das Schlimmste ist der Abgrund unter den eigenen Füßen. Die bodenlose Tiefe, in die alle Erklärungsmodelle fallen. In der Nacht zum 13. Juli 2002 wird der 16-jährige Marinus im brandenburgischen Potzlow von drei jugendlichen Bekannten stundenlang misshandelt und grausam getötet. Ein wahrer Fall. Das Theaterstück Der Kick im Theaterhaus Mitte (Koppenplatz 12, wieder am 16., 17., 19. und 20. 4., 20 Uhr) will wie der gleichnamige Film von Andres Veiel und Gesine Schmidt das „Böse“ nicht mit Begriffen wie Alkoholismus, Arbeitslosigkeit, Rechtsradikalismus bannen. Der Inszenierung von Beatrice Scharmann gelingt es, die vielfältigen Ursachen für das kaum Fassbare wie Puzzleteile auszubreiten.

Niemals wird der Zuschauer in die vermeintliche Sicherheit stabiler Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge entlassen. Stück und Film basieren auf Gesprächen mit Tätern, Angehörigen, Freunden, Dorfbewohnern. In 17 Rollen nähern sich Christina Motsch und Michael Barz in sensiblem Spiel der Tat aber auch der traumatischen Vergangenheit eines ostdeutschen Dorfes. Dort überlebt, wer schweigt. „Bestien“ nennt die Mutter des Opfers die Täter. Doch die Mörder waren fast noch Kinder, liebten und wurden geliebt. Wie passen die Teile zusammen? Wo es keine Antwort gibt, ist Fragen und Zuhören umso wichtiger. Eva Kalwa

KLASSIK

Sand

im Musikgetriebe

Arnold Schönbergs Wissen um seine jüdische Situation, wie sie in dem Briefwechsel mit Wassily Kandinsky 1923 zu stolzem Ausdruck kommt, bildet das Zentrum dieses Philharmonischen Salons. Einsicht in die Verquickung von Kunst und Politik schließt der Text des Komponisten ein, den Peter Simonischek liest. Der Ton des Schauspielers reflektiert Autorität. Es ist eines der ernstesten und schönsten Programme in der von Götz Teutsch gestalteten Reihe aus Musik und Literatur. Sein Thema: jener „Verein für musikalische Privataufführungen“, den Schönberg „vom öffentlichen Musikgetriebe grundsätzlich fernhält“. So auch von der Musikkritik, der „rücksichtslosen“. Unterhaltung gehört im Kammermusiksaal dazu, aber auch Nachdenken darüber, welche Ursachen hinter den frühen Skandalen um Schönbergs Musik nicht nur in Wien stecken.

Philharmoniker und DSO-Musiker, angeführt vom Breuninger-Quartett, stehen für interpretatorische Glanzlichter ein: Walter Seyfarth und Cordelia Höfer mit Alban Bergs Opus 5 zwischen tönendem Schweigen und Vulkan. In leuchtender Disposition besingt Christine Schäfer in Schönbergs Fis-Moll-Werk „luft von anderem planeten“. Faszinierende „Entrückung“, auch instrumental.

Nach dem „Kaiserwalzer“, einer der kapriziösen Strauß-Bearbeitungen Schönbergs, vermeldet Teutsch, dass die abwesenden Künstler bereits zum Flieger eilten: Christine Schäfer tritt in Paris, Peter Simonischek in Wien auf. Der „Salon“ und sein Publikum sind den Abstecher wert. Sybill Mahlke

KLASSIK

Pflänzchen

zwischen den Furchen

Als schmuckes Raritätenkabinett präsentiert sich dieses Konzert des Deutschen Symphonie Orchesters in der Philharmonie. Tschaikowskys dritte Orchestersuite eröffnet den Reigen wenig gespielter Stücke, gleich die Eingangselegie gelingt mit fein gespanntem Strich. Gennady Rozhdestvensky zeigt sich als ein Dirigent, der ganz zurückhaltend aber präzise leitet, den Musikern dabei viel Raum und Eigenverantwortung zuweist. Den diese dann mit sichtlicher Freude nutzen, beispielsweise in dem wunderbar verzweigten Holzbläsergeflecht im Scherzo. Prokofjews Skythische Suite, 1916 im Windschatten von Strawinskys Sacre uraufgeführt, wirkt hingegen trotz ohrenbetäubender Lautstärke bieder, wohl deshalb, weil Prokofjew der Mut seines großen Zeitgenossen zu einer radikal neuen Rhythmussprache gänzlich abging.

Eine schöne Entdeckung ist hingegen „Incantation“, Bohuslav Martinÿs 1956 uraufgeführtes viertes Klavierkonzert. Das zweiteilige Stück beginnt mit ruppig harten, von Viktoria Postnikova am Klavier mit beängstigender Körperpräsenz inszenierten Akkordverkantungen und mündet im zweiten Satz in unerwartet zarte, dabei nie kitschige Passagen. Denn das aufgespaltene, zerklüftete des Anfangs bleibt spürbar, nur sprießen zwischen den Furchen gleichsam wunderschöne Pflänzchen. Besonders das betörende Wechselspiel zwischen Klavier und Harfe sorgt für zauberhafte Momente. So ragt dieses Stück weit heraus aus dem oft recht harmlosen, Neoklassik und Jazz mischenden Idiom, dem Martinÿ sonst meist verpflichtet ist. Im Ganzen ein schöner Abend. Ulrich Pollmann

ROCK

Der Versuch, sich im

Spülbecken zu ertränken

Die Apokalypse als Thema eines Konzertabends, der zwei unterschiedliche Bandkonzepte zusammenbringt. Ausgedacht von David Tibet, dessen Alter Ego Current 93 seit 25 Jahren als dubioses Gebräu aus eschatologischen Ungeheuerlichkeiten expandiert. Umso erstaunlicher, dass der Brite seit einigen Jahren als stilprägende Größe einer neuen „Weird-Folk“-Bewegung gefeiert wird und für zwei Tage die Volksbühne ausverkauft. Er tippelt barfuß über die Bretter und trägt mit exzentrischer Theatralik schonungslose Lyrics im Stile apokalyptischer Moritaten vor. Weltschmerz und Acid-Phantasien, selbstzerstörerische Anklagen, eingerahmt von neun Musikern mit Gitarren, Schlagwerk, Streichern, Sampler und dem schrägen Transvestiten Baby Dee am E-Piano. „Who will deliver me from myself?“ kräht Tibet wie ein glückloses Blumenkind, das sich enttäuscht von der Menschheit im Spülbecken zu ertränken versucht.

Skitliv („Scheißleben“) setzen diesem Gewaltakt die Dornenkrone auf. Die Black-Metal-Band aus Norwegen verschreckt im Vorprogramm mit fieser Gitarrenfräse und gemeinen Taumel-Passagen, die nur einen kleinen Teil des Publikums glücklich machen. Aber das sind Fans, die sich in diesem Vorhof der Hölle auskennen. Volker Lüke

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