Kultur : KURZ & KRITISCH

Volker Hagedorn

KLASSIK

Traum

und Erdung

Wenn Dirigenten bei der Arbeit tanzen, ist das nicht immer Ausdruck tiefster Werkvertrautheit, aber dieser kann nicht anders. Manchmal steht Kristjan Järvi, Jahrgang 1972, auf einem Bein und wiegt sich im Klang wie eine Birke im Wind. Dann reißt ihn mit, was er selbst angerichtet hat. Maurice Ravels Großprojekt „Daphnis et Chloé“ mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin in der Philharmonie war ein Ereignis, bei dem sich alles Unbehagen verlor, das man bei diesem Stück mitunter hat, beim (vermeintlichen) Missverhältnis zwischen konzentriertem Sensualismus und der fast amorphen Opulenz der Form. Järvi badete nicht in Farben. Er realisierte sie von den Konturen her, vom Körper. Nicht, weil Ravel die Partitur für ein Ballett schrieb, sondern weil diese Musik an sich körperlich ist.

Da jagen Energien und Reize von einem Ende zum andern; wenn eine Hand berührt wird, öffnet sich der Mund, anders gesagt, die Geigen sind mit dem Chor (exzellent: der Rundfunkchor Berlin) nicht minder kurzgeschlossen als alle andern untereinander. Immer neue Ebenen, Nerven, empfindliche Stellen leuchteten auf. Järvi, stets in Spannung, knappe klare Einsätze gebend, genoss vertrackte Metrensprünge, wechselte zwischen Erdung und Traum, Wucht und Flug und bescherte dem bukolischen Pärchen Daphnis und Chloé ein Schäferstündchen, neben dem Ravels Zeitgenossen Nielsen und Skrjabin etwas verklemmt wirkten. Und ein bisschen unterprobt. Bei Ravel kam das Orchester auf die Höhe und ganz zu sich selbst. Großer Jubel. Volker Hagedorn

COUNTRY

Reue

und Rettung

Mit dem fünften Album „Between Daylight and Dark“ hat Mary Gauthier auch hier die verdiente Anerkennung gefunden als Singer/Songwriterin in der Liga von John Prine und Lucinda Williams. Mit Weste, Schlips und Fransenfrisur sieht sie aus wie ein Beatmusiker der Sechziger und gäbe einen veritablen John Lennon ab. Optisch. Die Musik ist anders. „Country Noir“. Bittersüß. Melodisches Fingerpicking auf der Gitarre, sparsam und schön. Mit angerautem Südstaaten-Drawl singt sie im Quasimodo ihre Short Storys. Von Ausgestoßenen und Verlierern. Von Mördern, Reue und Verzweiflung. Eindringlich und ergreifend. Und schon fliegt der burschikosen Mary die Liebe des Auditoriums zu. Man freut sich für die Frau aus Louisiana, ihre Klarheit, dass sie selbst seit Jahren nicht mehr trinkt und künstlerisch gereift ist.

Nach einem halben Dutzend zauberhafter Lieder holt Mary Gauthier ihre Kollegin Diana Jones aus Tennessee zurück auf die Bühne. Sie hatte schon vorher ein paar eigene Songs vorgestellt, in der Tradition alter Folkballaden. Im Duo ergänzen sich zwei unterschiedliche Songwriter-Persönlichkeiten zu einer formidablen Melange: „Songs of Sorrow and Salvation from the American South“. Berauschend. H. P. Daniels

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