Kultur : KURZ & KRITISCH

Christiane Peitz

KLASSIK

Garantiert

schwindelfrei

Hellwach ist dieser Beethoven. Voller Temperament, ohne Pathos, ein glasklarer und doch integrativer Klang. Simon Rattle kehrt das Szenische an Beethoven hervor, evoziert mal die Atmosphäre eines großen Wiener Opernballs, mal die sozialen Idiome des Ländlichen: eine klassenbewusste Wiener Klassik. Die lyrischen, elegischen, triumphalen Themen: plastische Musik, ungemein sinnlich, jung, mobil. Beethoven für das 21. Jahrhundert: Man kennt das schon von Rattle – und freut sich jedes Mal neu.

Bergfest beim Beethoven-Zyklus der Berliner Philharmoniker: Nach der Zweiten, Dritten, Sechsten und Achten Sinfonie im Februar und vor dem Finale mit der Vierten, Fünften und Neunten (21./22. und 26. – 28.April) standen nun die Erste und Siebte auf dem Programm in der Philharmonie, wieder mit einem bestechend präzisen Webern dazz, den „Sechs Stücken für Orchester“. Der Trauermarsch im zweiten Satz der Siebten, man begreift ihn danach als Klangfarbenmelodie avant la lettre, vom Montagecharakter mancher Übergänge zu schweigen. Und der tastende Tonleiternauftakt im Finale der Ersten: neue Musik, die sich selbst noch nicht kennt. Jeden Anlauf phrasiert Rattle anders, sechs zauberhafte Miniaturen einer Suchbewegung, die in Jubel umschlagen, kaum sind sie am Ziel.

Der kleine Unterschied zu Rattles Einspielung mit den Wiener Philharmonikern von 2001 liegt in der Konkretion: Atmet die Tonleiternpassage dort noch leise-philosophischen Zweifel, so artikuliert sich bei den Berlinern vor allem gezähmte Ungeduld, eine still-verzückte Vorfreude auf das folgende Lebenslustspiel. Ohnehin reagieren die Philharmoniker auf die Wendungen ihres Chefs geschwinder und millimetergenauer, als man es mit bloßen Ohren zu hören vermag: im gegen einen sanften Widerstand antanzenden Andante cantabile der Ersten ebenso wie im Wirbel des die Siebte beschließenden Allegro con brio. Stimmt schon, diesem schwindelfreisten Orchester der Welt fehlt bei Beethoven das Unbedingte, die Tiefe. Aber vielleicht sind die Zeiten ja eher danach, sich ehrlich zu machen. Christiane Peitz

KLASSIK

Alles

atmet

Grigorij Sokolov schleicht auf die Bühne wie ein alter englischer Butler, der nach dem Verfall des Empire mit der Welt abgeschlossen hat. Im ausverkauften Kammersaal der Philharmonie spielt der russische Ausnahmepianist zunächst zwei Mozartsonaten, und zwar en suite, als kleine Sammlung kontrastierender Sätze – man meint, einen Vorgriff auf die 24 Préludes von Chopin in der zweiten Konzerthälfte zu hören. Denn klassische Plastizität ist Sokolovs Sache nicht und sein Mozart gewinnt auch nirgends rhetorische Prägnanz oder burleske Leichtfüßigkeit. Eher geraten ihm die extrem schnell genommenen Ecksätze zu verschleierten Farbgespinsten. Aber alles atmet bei ihm, jeder Melodiebogen gewinnt dynamische Spannung. Und die greift Sokolov buchstäblich aus der Luft: Immer wieder hebt er die Hände, fächert den Tasten dann im freien Fall neuen Atem zu. Es scheint diese kinetische Energiezufuhr zu sein, die ihm alles so organisch gelingen lässt.

Was sich nach der Pause bei Chopin auszahlt: Vor allem die melancholischen Nummern spielt Sokolov beklemmend. Natürlich, schnelle Läufe schüttelt er aus dem Ärmel und die tastenstürmenden Momente kostet er bis zur Neige aus. Wie er im Regentropfen-Prélude jede Wendung in ein anderes Licht taucht, dabei nie verspielt, immer zwingend wirkt – das kann wohl derzeit kaum ein anderer Pianist.Ulrich Pollmann

POP

Zeit,

aufzustehen

Billy Bragg ganz alleine in der Passionskirche, etwa so, wie er vor gut 25 Jahren begonnen hat: als „One-Man-Clash“ mit scheppernder E-Gitarre und rausgebelltem Gesang. „Barking bard“ nannte man ihn, den kläffenden Barden, zwischen quirligem Punk und politischem Agit-Folk. Etwas enttäuschend, dass in der überfüllten Kirche nur zwei Verstärker und ein Mikrofon auf der Bühne stehen. Also keine Band, keine Blokes, kein Ian McLagan von den Faces an der Hammond B3. „Yeah, it’s a church!“, sagt Solo-Billy, schraddelt verzerrt los und erhebt die Stimme zu gewaltigen Songs: dass es Zeit sei, sich zu wehren gegen Arbeitslosigkeit und Ausbeutung. Dass es keine Sicherheit gebe in diesem Wirtschaftssystem.

Lässig sieht der 50-Jährige aus, wie ein Rock ’n’ Roller aus den Fünfzigern, in Bluejeans mit breitem Aufschlag, schwarzem Cowboyhemd und angedeuteter EddieCochran-Tolle. Weniger lässig wirkt dagegen der übermäßige Zorn, das Agitatorische, der geradezu rührende Glauben an einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz, an die revolutionäre Veränderbarkeit gesellschaftlicher Missstände durch Gewerkschaften und internationale Solidarität. Wenn auch die Fans Braggs emporgereckte Faust und seine mitreißenden Volksreden frenetisch bejubeln, ist man doch immer wieder erleichtert, dass es auch den anderen Billy Bragg gibt. Den der zarten Liebeslieder, den Erzähler umwerfend komischer Geschichten aus dem täglichen Leben. Den Stand-up-comedian, der mit brillanter Cockney-Schlagfertigkeit zickige Zwischenrufer abserviert. Den exzellenten Vertoner von Songtexten aus dem Nachlass des großen amerikanischen Volkssängers Woody Guthrie. Den charmanten Entertainer, der es mühelos schafft, das Kirchenschiff zum Singen zu bringen.

Und sie singen nicht die Internationale, sondern: „Ich möchte nicht die Welt verändern, ich will auch gar kein neues England, ich sehne mich nur nach einer neuen Liebe!“ H. P. Daniels

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