Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KABARETT

Ich will, dass

jeder mich mag

Entwarnung gleich zu Beginn: „It’s just good, clean fun!“, beschwichtigt Christoph Marti alle Befürchtungen, er könne im Studio des Admiralspalastes die große Giftspritze rausholen. Das Abwiegeln hat seinen Grund, denn mit dem Randy-Newman-Programm „American Dreams“ hat sich Marti alias Ursli Pfister dem bösesten, galligsten und spitzzüngigsten aller Songwriter zugewandt. Lieder, die klingen, als würde da ein ausgewanderter Urgroßneffe Heinrich Heines mit seinen Versen die Gemeinheiten der Welt hinwegätzen und sein ganzes Herz an die großen, reinen Gefühle wegschenken wollen. Und das als „good, clean fun“ in programmatisch weißem Anzug auf großer Showtreppe?

Keine Sorge, zumindest mit dem clean meint es Marti nicht wirklich ernst: Wenn er zu Texten wie „If a big boy comes tomorrow / there’ll be no more sorrow“ die Lippen räkelt wie ein Kind vor einer Riesenportion Pudding, sind unsaubere Gedanken zumindest nicht abwegig. Bei den Erzählungen von Martis Teenager-Erfahrungen als Austauschschüler in Texas, die als lockere Conference zwischen den Newman-Nummern vermitteln, geht es dann auch deutlicher zur Sache – ohne freilich zotig zu werden. Im Gegenteil: Bei Marti wird die Spottdrossel zum Singvogel. Mit unerschütterlicher Liebenswürdigkeit, drei feschen „Erinnyen“ als Blickfang und einem sonnigen Lächeln, das von einem Bühnenende zum anderen reicht, taucht er selbst die schummrigsten Winkel menschlicher Existenz in das strahlende Licht der Lebensfreude. Und Newmans Sarkasmus weicht einem kindlich ernsten Staunen über die Welt im Guten wie im Bösen. „I want everyone to like me“, singt er. Wie könnte man anders? (bis 4.5., Mi.–So.) Jörg Königsdorf

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