Kultur : KURZ & KRITISCH

Kerstin Roose

KABARETT

Vielleicht schläft er ja mit mir

Spiel auf mir, fleht sie. Der junge Cellist weiß gar nicht, wie ihm geschieht, als ihn eine charmante Wuchtbrumme bezirzt. Sie entwindet ihm sein Instrument, schmiegt sich in die Lücke und wartet sehnsüchtig darauf, von seinem Bogen berührt zu werden. Die Frau als Cello: In diesem Bild – obszön, poetisch, komisch, tragisch – konzentriert sich ein ganzer Abend. Die Frau heißt Annamateur, und was sie in der Bar Jeder Vernunft zelebriert, ist eine „Bandaufstellung nach B. Hellinger“, dem deutschen Familientherapeuten. Annamateur und Außensaiter (bis 11. Mai) widmen sich mit eigenen und gecoverten Chansons Liebesbeziehungen jeglicher Art. Mal röhrt sich Anna Maria Scholz dunkel-vibrierend ihren Frust über unzuverlässige Kindsväter von der Seele, dann haucht sie lasziv Groupie-Sehnsüchte ins Mikrofon: „Vielleicht schläft er ja mit mir … nur so zum Zeitvertreib.“ Begleitet wird die charismatische Dresdnerin, Gewinnerin des Deutschen Kleinkunstpreises 2008, von ihren Außensaitern: dem Gitarristen Daniel Wirtz und dem Cellisten Stephan Braun. Ganz Diva, hat sie sich die beiden zur Linken und Rechten drapiert, um sie verbal zu schlagen, zu hätscheln oder zu verführen. „Alles, was ich euch angetan habe, hab ich gern getan“, orgelt sie. Das glaubt man der selbstironischen Stimmakrobatin ohne Weiteres. Kerstin Roose

KLASSIK

Stimme muss springen

Es ist eine Aura der Behutsamkeit, die das Scharoun Ensemble zum Jubiläumskonzert im Kammersaal der Philharmonie verströmt. Hier wird keine rauschende Party gegeben, sondern die Musiker reichen sich die fein ziselierten Melodiepartikel des von Webern bearbeiteten BachRicercars mit großer Umsicht zu. Das Programm unter der Leitung von Pierre Boulez gleicht einem Streifzug durch die frühe Moderne der zweiten Wiener Schule. Weberns fünf Sätze für Streichquartett op. 5 lassen noch heute die Angst erahnen, die den Komponisten auf seinem Weg in die Atonalität quälte. Die Musiker geben die hochexpressiven Miniaturen wie ein Aquarell fein abgestufter Grautöne. Weberns Konzert op. 21 und seine drei Lieder op. 18 zeigen ihn dann am Ziel – mit radikal abstrakten pointillistischen Miniaturen aus wenigen, wie an unsichtbaren Fäden zusammengehaltenen Tönen.

Der Sängerin Barbara Hannigan verlangen die Lieder Unglaubliches ab. Die Stimme wird in riesigen Sprüngen geführt, vermeidet jegliche kantable Linie. Dagegen wirken Alban Bergs fünf frühe Lieder noch wie melancholische Abschiedsgesänge auf die Spätromantik, es sind die Wohlfühlstücke des Abends. Schönbergs Kammersinfonie schließt die Lücke zwischen Romantik und Abstraktion – schöner Abschluss eines Jubiläumskonzerts.Ulrich Pollmann

THEATER

Der Antichrist ist Rumäne – und UN-Generalsekretär

Tim LaHaye und Jerry B. Jenkins sind hierzulande weniger bekannt als John Grisham oder Stephen King, aber weniger erfolgreich sind sie nicht. Ihre zwölfbändige Romanserie „Left Behind“, auf Deutsch „Finale“, hat in den USA eine Gesamtauflage von über 50 Millionen, auch George W. Bush zählt zu den Fans. LaHaye und Jenkins sind evangelikale Fundamentalisten, die in ihrer düster-dräuenden Christen-Fiktion das Ende der Welt beschwören. Einen Film zum Bibelbuch gibt es auch schon. Nun entdeckt Regisseur Ulf Otto das theatralische Potenzial dieser apokalyptischen Prosa – und widmet sich in den Sophiensaelen den Untergangsfantasien der schreibenden Moralapostel. Die Zeit, die bleibt (bis 24. April) ist fröhliches Mitmach- und Hörspieltheater, dem man erst ungläubig, dann staunend folgt. Über Kopfhörer wird das Publikum von der sonoren Stimme des Assistenten David von Westphalen eingeschworen und in den weißen Hochzeitssaal des Theaters dirigiert, wo fünf gute Spieler einem mit wenigen Requisiten die „Left Behind“-Story nahebringen. Im Wesentlichen handelt sie davon, dass alle Reinherzigen sich in Luft auflösen und nur ihre Kleider zurücklassen, während die übrigen gegen den Antichristen in Gestalt eines rumänischen UN-Generalsekretärs zu Felde ziehen müssen. Eine amüsante Recherche, wie viel Angstlust in uns säkularen Theatergängern steckt. Patrick Wildermann

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