Kultur : KURZ & KRITISCH

Carsten Niemann

KLASSIK

Ohne Konzept

Haydns Oratorium Die Jahreszeiten ist ein ebenso geniales wie naives Werk. Amateuraufführungen des Stücks haben deshalb einen entscheidenden Vorteil: Mögen Haydns Szenen aus dem Landleben auch hoffnungslos idealisiert, die Tonmalereien überbordend und das Lob des Fleißes übertrieben erscheinen – ein motivierter Laienchor kann das erhabene Werk leicht auf den Boden glaubwürdigen Bauerntheaters zurückholen. Doch Andrew Manze, der Rias-Kammerchor, das Deutsche Symphonie Orchester Berlin sowie die Solisten Sally Matthews, Jeremy Ovenden und Nikolay Borchev müssen als Hochprofis in der Philharmonie bestehen. Wer den Saal mit der Erwartung betrat, der Alte-Musik-Spezialist Andrew Manze würde die Widersprüche des Werks auf einer höheren Ebene auflösen, sieht sich getäuscht. Zwar gibt es besonders in den orchestralen Schilderungen elementarer Naturphänomene packende Momente zu erleben. Doch an vielen Details lässt sich beobachten, dass der Aufführung ein zwingendes dramaturgisches Konzept fehlt: Wenn der Chor etwa das Adjektiv „mächtiger“ mit erschreckend stählerner Kraft in den Saal schleudert, fällt er damit aus der Rolle des dankbar Gottes Güte preisenden Landvolks. Die Größe etwa eines René Jacobs, der selbst in typisierten Figuren die Konflikte und Charaktere jener Menschen zu entdecken vermag, die sich diese Figuren ausgedacht haben, zeigt der Dirigent Andrew Manze an diesem Abend nicht. Carsten Niemann

ARCHITEKTUR

Mit Erfolg

Im Schatten großer Berliner Bauprojekte hat es die Architektur in Brandenburg nicht immer leicht, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Nun blickt eine von Simone Hain besorgte Wanderausstellung mit dem Titel „Das neue Brandenburg. Bauaufgaben 1996–2006“ in der TFH Wildau auf zehn Jahre Baugeschehen zurück (bis 14. Mai). Und siehe da: Die Ergebnisse können sich mehr als sehen lassen. Das gilt nicht nur für die auch international stark beachteten Hingucker wie die Bibliothek von Herzog und de Meuron in Cottbus oder die Sanierung der ehemaligen ADGB-Bundesschule in Bernau durch das Berliner Büro Winfried Brenne. Die Ausstellung stellt auch kleine, feine Bauten vor, wie das schöne Holzhaus von Modersohn und Freiesleben in Altenhüttendorf nördlich von Berlin oder das bisher nicht angemessen gewürdigte Sichtbeton-Gerichtsgebäude von Georg Bumiller und Detelf Junkers in Frankfurt (Oder). Solche ambitionierten Neubauten setzen Zeichen und erweisen sich als baukultureller Nährboden für weitere Bauprojekte, die freilich nicht nur aus der Hand öffentlicher Bauherrn nachwachsen sollten. Jürgen Tietz

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