Kultur : KURZ & KRITISCH

Kai Müller

POP

Aus ganzem Herzen

Ihr Thema ist der Kontrollverlust. Wenn die Dinge entgleiten und man „in Panik“ gerät, wenn sich das Blut in den eigenen Adern wie Nitro anfühlt und man schier wahnsinnig wird angesichts eines geliebten Wesens, das einfach zu perfekt für einen ist. Sei es ein Kater. Oder das Mädchen aus der Nachbarklasse: „Goodbye Logik, mein Herz besiegt meinen Verstand“, schleudert Sebastian Madsen, Gitarrist und Sänger der nach ihm und seinen beiden mitspielenden Brüdern benannten Rockband Madsen, einem entfesselten Publikum im Postbahnhof als Parole entgegen. Aus den Boxen wummert der infernalische Lärm sägender E-Gitarren und wuchtig geknüppelter Beats. Die Konturen schroffer Heavy-Metal-Riffs verlieren sich im fröhlichen Saitengeschrubbe des Quintetts aus dem Wendland. Madsen benutzen den Krach zur Auskleidung seelisch-psychischer Ausnahmezustände. Jedenfalls ist das ihre starke Seite, die sie in Berlin voll entfalten. Schwächer wirken da die eingestreuten neuen Songs ihres dritten Albums „Frieden im Krieg“. Sie sind schlicht zu nett, wobei die Band ihre Ethik („Verschwende dich nicht / Bleib bei den Dingen, die du liebst“) ebenfalls aus der Überforderung entwickelt. Noch halten Madsen an ihrem Je-lauter-desto-dagegen-Programm fest. Das rockt. Aber dass mehr in ihnen schlummert, deutet die Aggro-Rap-Persiflage „Zoro“ an. Da liegt kurz ein Hauch echten, ungezügelten Wahnsinns in der Luft. Kai Müller



KLASSIK

Aus voller Kehle

Man muss das gehört haben. Der gewaltige Saal schwingt nicht, er bebt. 1500 Menschen singen in ihm das „Dies irae“ aus Verdis Requiem in der Philharmonie aus voller Kehle. Alle Zuschauerblöcke hinter und über dem Orchester sind mit Chordamen besetzt, während im Rücken des Dirigenten die Herren den Block A füllen. Wenn sie singen, wendet Simon Halsey den Profis auf dem Podium den Rücken zu und dirigiert den gigantischen Laienchor. Fast vergessen die Zeit, als Halsey 2003 die Mitsingkonzerte seines Rundfunkchors in kleinem Format begann. Mittlerweile kommen Laiensänger aus ganz Europa angereist. Chorsingen als Selbsterfahrungs-Trip, Dirigent Halsey als Event-Manager? Wo bleibt da Verdi, fragt sich der Rezensent in reflexartigem Kulturpessimismus. Doch der ist gut aufgehoben. Klangliche Balance, Aufmerksamkeit bei Tempoübergängen, Pianoeinsätze: Rundfunkchor und Rundfunkorchester Berlin sowie das Solistenquartett mit Margarita de Arellano, Stella Doufexis, Timothy Richards und István Kovács sind recht erfolgreich darauf bedacht, dass hier nichts und niemand verloren geht. Matthias Nöther

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