Kultur : KURZ & KRITISCH

Jörg Königsdorf

KLASSIK

Heiße

Herzen

Die Streichquartette Joseph Haydns sind der Soundtrack der Aufklärung: herrschaftsfreier Diskurs gleichberechtigter Individuen, unerschütterlicher Glaube, mit der Freiheit auch das Glück zu finden. Wenn die vier Musiker des Quatuor Ebène sich durch den langsamen Satz von Haydns „Reiterquartett“ tasten, wird diese Aufbruchstimmung gegenwärtig. Jeder Akkord ist ein kleiner, behutsamer Schritt ins musikalische Neuland, der zugleich von der Gewissheit kündet, nicht scheitern zu können. Seit ihrem Sieg beim ARD-Wettbewerb vor vier Jahren haben die vier Franzosen die internationale Quartettszene im Sturm erobert und auch bei ihrem Auftritt im Konzerthaus zeigen sie eine Mischung aus technischer Perfektion, Stilsicherheit und musikalischer Erfüllung, wie sie derzeit wohl kaum ein anderes Streichquartett aufbieten kann.

Radikal haben sich die Ebènes das haydnsche Gleichberechtigungsideal zu eigen gemacht: Der erste Geiger Pierre Colombet ist ein Primarius inter pares ohne die geringste Spur von Eitelkeit, der Haydns Themen mit natürlicher Unbefangenheit in die Runde wirft. Ohnehin wirkt das Spiel der vier nie verkopft, sondern besitzt die Spontaneität, die nur auf der Basis gegenseitigen Vertrauens entsteht. Witz, wie bei der vorgeblichen Naivität des Seitenthemas im Finale des Reiterquartetts, wird so möglich, aber auch eine Bündelung der aggressiven Energie wie im Mittelsatz des zweiten Bartók-Quartetts. Und zugleich die Tiefe, das Versinken im dunkel glühenden Ton, das Bartók gleich darauf im Schlusssatz fordert. Dass die Franzosen nicht nur heiße, sondern auch große Herzen haben, zeigen sie auch bei Brahms, dessen c-moll-Quartett romantisch verzückte Emphase, aber auch das beseelt genossene Glücksgefühl gleichgestimmten Zusammenseins besitzt. Da haben sich vier fürs Leben gefunden.Jörg Königsdorf

KUNST

Ein Blatt

Papier

Das Leben in der Fremde – es ist ein ewiger Seiltanz, eine Balance mit ausgestreckten Armen, mitten durch die Kulturen. So jedenfalls suggeriert es das Bild der Künstlerin Zeynep Yüksel, auf dem ein kleines Männchen in Schwindel erregender Höhe über ein Seil spaziert. Unter ihm die Bruchstücke eines Migrantenlebens, zusammengeklaubt zu einem vielschichtigen Selbstentwurf: Bilder von geliebten Menschen, vom fernen Geburtsland, von Unbekannten aus der neuen Heimat und ein Blatt Papier, beschrieben mit all dem was wichtig ist. „Folkwang“ steht dort zum Beispiel. An der gleichnamigen Schule in Essen hat Zeynep Yüksel studiert, geboren wurde sie in Istanbul.

Ihre Bilder sind in der Wanderausstellung Art Express (bis 30. April, tägl. 10 bis 20 Uhr) zu sehen, gemeinsam mit denen elf anderer internationaler Künstler. Sie alle haben ihr Geburtsland verlassen um in der Fremde zu leben, zogen von Kolumbien nach Paris, von Persien nach Berlin oder von Russland ins Ruhrgebiet. Und sie alle wurden für „Art Express“ gebeten, ihr Leben in drei autofiktionalen Kunstwerken darzustellen. Aufgehängt sind die großformatigen Bilder in einem Torbogen des S-Bahnhofs Jannowitzbrücke. Die Werke sind über Schnüre miteinander verbunden: Wackelt eines, dann wackeln alle. So demonstriert die Ausstellung, die in Bahnhöfe nach Paris, Budapest und Essen weiterwandert, Grenzenlosigkeit – und untermauert ihr philosophisches Credo, einen Satz von Edmund Husserl: „Wir sind immer ein Teil des Anderen.“ Katja Reimann



CHANSON

Laken

im Wind

Auftritt einer Stimme: Wenn Tim Fischer im Tipi Lieder von Zarah Leander singt und damit zu den Ursprüngen seiner Karriere zurückkehrt, dann steht vor allem dieses dunkle, rauchige, zwischen männlichen und weiblichen Momenten changierende Organ im Mittelpunkt (wieder heute, 25. und 27. 4 sowie 1. bis 4. 5., Di-Sa 20 Uhr 30, So 19 Uhr 30). Die Leander ist in jeder Silbe anwesend, sie materialisiert sich buchstäblich in einem einzigen Laut: Diesem verschwörerisch raunendem „r“. Fischer nimmt diesen und andere Konsonanten und formt sie, als seien sie eigene Wörter („Nur nich-t aus Liebe weinen“), er taucht ein in die Vokale, die zittern wie gewaschene Laken im Wind. Dazu kommt noch das schwarze schlangenartige Hosenkostüm mit aufgestelltem Kragen und XXL-Stöckeln, so dass man schließlich denkt: „Mein Gott, sie ist es!“

Fischer singt und spricht wie die Diva, doch legt er auch immer wieder Distanz zwischen sich und seine Bühnenfigur und deren Rolle in Nazideutschland. Etwa wenn er gleich nach dem NS-Durchhalte-Klassiker „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ Georg Kreislers Antikriegslied „Schieß mit mir“ singt oder die Leander sagen lässt: „Goebbels war ein charmanter Mann, was er sonst gemacht hat, ist nicht meine Sache.“ Rainer Bielfeldt am Flügel ist der perfekte Begleiter, er versteht es, sich zurückzunehmen und darf seinem Bühnenpartner schließlich doch nette Bösartigkeiten an den Kopf werfen. Am Ende hinterlässt Fischer ein begeistertes Publikum. Das „R“ vibriert noch auf dem Nachhauseweg im Ohr. Udo Badelt

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