Kultur : KURZ & KRITISCH

Isabel Herzfeld

KLASSIK

Von einem

anderen Planeten

Was für ein Ausnahmewerk! Arnold Schönbergs 2. Streichquartett sprengte nicht nur zur Uraufführung 1908 alle Grenzen: Heute noch überwältigt es durch die Ausdrucksdimension, die ihm die Einbeziehung der Stimme zu geben vermag. Programmatisch blieben die Worte Stefan Georges: „Ich fühle luft von anderen planeten“. Im Programm, welches das Philharmonia-Quartett beherzt der „1. und 2. Wiener Schule“ gewidmet hat, macht Annette Dasch dies zum Ereignis: Sie enthüllt immer neue Zauberregionen des Klanges, umspannt mit dunklem Sopran riesigste Melodiebögen. Vor allem aber erfüllt sie sie mit einer Ernsthaftigkeit des Ausdrucks, welche die hochgestochene George-Poesie zum überzeugenden Drama macht. Auch die Musiker agieren jetzt klangsensibler – Bravos im Kammermusiksaal gelten einer fesselnden Ensembleleistung. Zuvor hatte man sich mit Anton Weberns Quartett op. 28 nicht leichtgetan: Daniel Stabrawa entwickelt zwar geigerische Strahlkraft, Jan Diesselhorst antwortet mit umsichtiger Cellogrundierung, während Christian Stadelmann und Neithard Resa für klangvolle Binnenspannung sorgen. Doch die Sprödigkeit der kanonisch vielfach gewendeten „B-A-C-H“-Thematik wird erst bei einem mutigen zweiten Durchgang annähernd überwindbar.

Viel näher steht den philharmonischen Streichern Weberns „Langsamer Satz“ von 1905, und Haydns D-Dur-Quartett op. 50 Nr. 6 zeigt sie in ihrem figurativ temperamentvollen ausbalancierten Element. Hier entzücken nicht nur die launigen quakenden Finalrepetitionen, die zum Beinamen „Der Frosch“ führten, sondern insgesamt eine reich ausgearbeitete Gedankenfülle. Isabel Herzfeld

POP

Die Sonne,

die uns wärmt

Hinter Baum und See aus dem fernen Karelien geht die Sonne unter, ständig sogar, weil das Ensemble den kleinen Konzertkeller des Intersoup in Prenzlauer Berg als Fototapete ziert. Das könnte kitschig wirken, würde man einen unverstellten Blick auf die Rückwand bekommen. Wenn allerdings davor die Berliner Band Olsen and the Hurley Sea spielt, blinzelt das Rot des Sonnenuntergangs durch die Lücken, die Arme, Bierflaschen und Instrumente lassen. Olsen and the Hurley Sea fährt mit leiser Instrumentierung; klassische Gitarre, Schlagwerk und Bass bearbeiten schmerzhafte Gefühle in Moll. Die Songs werden vom Besen gestreichelt, der Bass hüpft dazu. Sie haben einen angenehm langzeitstudentischen Klang, schämen sich der Gefühle nicht und fangen deshalb auch mal mit „Out on the Lake to cry“ an. Ein wenig erinnert das an Neil Youngs „Helpless“ und von Ferne auch an Nirvana unplugged.

Olsen haben sich in unzähligen Kleinstauftritten eine treue Fangemeinde erspielt. Das Intersoup ist restlos gefüllt, zwischen den eng beieinander Sitzenden wird es rasch warm und es scheint, als ob die Sonnentapete einen gleißenden Ton bekäme. Im Mai erscheint Olsen Doppel-Ep „Back in a Minute“. Man kann dazu dann durch Brandenburg an einen See fahren. Oder durch Karelien. Lennart Laberenz

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