Kultur : KURZ & KRITISCH

Sandra Luzina

TANZ

Ein Mythos

wird gekidnappt

Der Choreograf und Regisseur Joachim Schloemer hat mehrmals Indien bereist – und natürlich fehlte es nicht an Angeboten, dort zu inszenieren. Aber erst nach längerem Zögern trug er sich mit dem Gedanken, das alte Ramayana-Epos theatral zu bearbeiten. Im Haus der Kulturen der Welt zeigt Schloemer nun seine Produktion „Die Entführung von Sita“ (noch einmal heute, 19. 30 Uhr). Der Choreograf gibt selbst eine kleine Einführung und stellt mit Namenskärtchen seine drei Protagonisten vor: Rama, der gerechte Herrscher, ist verheiratet mit Sita, der Inkarnation der guten Ehefrau. Sie wird entführt von Ravana, dem Bösewicht. Viel mehr erfährt man hier nicht über den indischen Mythos. Schloemer beschränkt sich auf einen Erzählstrang des gewaltigen Epos – doch auch der dient ihm lediglich als Aufhänger. Was ihn interessiert, ist die Entführung als Medienspektakel. Und so darf die Schauspielerin Johanna Eiworth sich heftig echauffieren – in Worten, die an Susanne Osthoff gemahnen. Sie verweigert die ihr von den Medien zugewiesene Opferrolle und liest einer nach gruseligen Details gierenden Öffentlichkeit gehörig die Leviten. Dass Schloemer den Ravana als Sexprotz in Lederkluft auftreten lässt, bedient dann aber nur üble Fantasien. Die tolle Kathak-Tänzerin Vaishali Trivedi ignoriert den Lederboy so lange, bis er ihr einen Sack über den Kopf stülpt. Klassischer indischer Tanz und Sufigesänge prallen auf die aufgeregte Sprache von Nachrichten-Sendungen. Als Mediensatire zündet die „Entführung von Sita“ nicht. Zudem offenbart der Abend die Crux von interkulturellen Projekten: Die Darsteller agieren in ganz unterschiedlichen Stilen – aber das erzeugt nicht unbedingt Reibung, sondern oft nur ein uninspiriertes Nebeneinander. Sandra Luzina

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