Kultur : KURZ & KRITISCH

Ulrich Amling

KLASSIK

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Gischt!

In der Natur sein eigenes Spiegelbild zu erhaschen, versucht der Mensch mit Schauern. Hier begegnet ihm etwas, das von größerer Macht und Fülle ist als sein eigenes Dasein. Eine Kluft, die das Gleichnis zu schließen hofft: Des Menschen Leben sei wie ein Meer, seine Leidenschaften Klippen darin – fertig ist eine heftig schäumende See- Seelen-Szene.

Meeresbildern in Musik widmet das Konzerthausorchester einen schlüssig programmierten Abend unter Michael Zilm. Mendelssohn Bartholdys Konzertouvertüre „Meeresstille und Glückliche Fahrt“ reißt einen gewaltigen Klangozean auf: unendlich dunkle Tiefen, gleißendes Licht auf der Oberfläche, dazwischen ein nur schwer auszumachendes Reich von drohender Ruhe. Die aufgestaute Spannung entlädt sich in einer theatralischen Hafeneinfahrt, die unter Donnern und Trompeten zu einer irrealen Landung mutiert. Mit etwas Bühnenzauber lässt sich das Meer in uns nicht besänftigen. Mendelssohn weiß das, dem Dirigenten gerät dieser Aspekt jedoch immer wieder aus dem Blickwinkel.

Schuberts „Unvollendete“, mit ihrem Anrollen, ihrem bewegten Untergrund, ans Meer zu verlegen, erscheint durchaus reizvoll, wenn auch ihre ozeanische Gefühlswelt ergründet wird. Zilm wagt sich nur so weit vor, wie eine Wathose es eben zulässt. Heikler noch die Anforderungen, die Ravels „Une barque sur l’ocean“ und Debussys „La mer“ an einen Orchesterkapitän stellen. Das subtile Zusammenklingen in größter Ballung, das Erhaschen von Strukturen, ohne sich daran festzuklammern, dieser feine Pinselstrich zwischen Horizont und Ozean. Das Konzerthausorchester legt sich zwar kräftig in die Riemen. Doch die Klangbrecher schlagen zu früh über den Musikern zusammen. Mehr Gischt! Ulrich Amling

TANZ

Sex, Drugs

and Sushi-Rolls

Er sei sehr gern in Berlin, beteuert Tony Rizzi süffisant lächelnd, denn die hiesige Tanzszene sei ganz klar weiblich dominiert: „Da gibt es die Megs, die Sashas, die Constanzas – und die Vladimirs.“ Die Ballettwelt bekommt an diesem Abend gehörig ihr Fett ab, aber eigentlich dreht sich Rizzis Performance Every Body tells a Story in der Tanzfabrik nur um ihn selbst (wieder am 27.4., 20.30 Uhr). Von 1985 bis 2004 war Rizzi der Protagonist von Bill Forsythes Frankfurter Balletts. Also tanzt er einen kurzen Ausschnitt aus der letzten Aufführung der Frankfurter – die Szene mündet in der schmerzlichen Erkenntnis: „Dein Leben als Künstler ist jetzt vorbei.“

Dann plaudert er sich durch sein bewegtes Leben – und kokettiert ironisch mit der Rockstar-Attitüde. Tokio, New York, Miami – von manchen Orten ist ihm nur die Erinnerung an Sex, Drugs und Sushi-Rolls geblieben. Jede Erfahrung verwandelt er in ein scharfzüngiges Aperçu. Rizzi jagt aber weniger vergangenem Ruhm hinterher, er entpuppt sich vielmehr als Überlebenskünstler. Auch das ist sein Thema: der von Krankheiten gezeichnete Körper – und der heftige Liebesschmerz.

Natürlich schlüpft Rizzi wieder in wechselnde Rollen, dazu zieht er sich T-Shirts über (auf denen „Fuck“ oder „You can win if you want“ steht) und hechelt überaus komisch die verschiedenen Tanzstile durch. Kunst und Leben durchdringen sich hier aufs innigste. Immer mal wieder sieht man Rizzi doppelt: Der geschmeidige Mario Zambrano tritt als eine Art Doppelgänger auf. Eins aber steht fest: Es kann nur einen Tony Rizzi geben. Sandra Luzina

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