Kultur : KURZ & KRITISCH

Michael Zajonz

KUNST

Gebt die Hoffnung

nicht auf!

Wie gewaltige Brocken liegen die Gemälde von Gustav Kluge im seichten Fluss der Ironiemalerei. Gestern wurde dem 1947 in Wittenberg geborenen Wahl- Hamburger der Käthe-Kollwitz-Preis der Berliner Akademie der Künste verliehen. Eine Ausstellung stellt seine Malerei der letzten Jahre vor (Hanseatenweg 10, bis 15. Juni, Katalogheft 5,10 Euro).Kluge ist nicht nur ein brillanter Techniker, er hat etwas zu sagen. Selbst wenn er es dem Betrachter nicht leicht macht. Seit Jahrzehnten arbeitet sich der gegenständlich arbeitende Künstler an Menschheitsthemen ab: Schmerz, Gewalt, Folter, das unausweichliche Umschlagen von Hoffnung in Resignation.

„Der Leidensdruck beim Malen“, so Laudator Wulf Herzogenrath, „ist noch zu spüren beim Blick auf die fertigen Bilder.“ Bilder, für die Herzogenrath eine Traditionslinie von Edvard Munch bis Bernhard Heisig zieht. Umso überraschender dann die sechs „Teamportraits“ im Zentrum der Ausstellung. Sie zeigen Menschen, die trotzdem weitermachen: Mitarbeiter eines Behandlungszentrums für Folteropfer, Bundesverfassungsrichter, die Schauspieler der Hamburger Faust-Inszenierung von Jan Bosse. Um platten Realismus oder konkrete Kommunikation geht es auf diesen Rätselbildern nie. Sondern um die allenthalben bedrohten Reparaturstationen einer Spätmoderne, die vergessen hat, was Humanität heißt. Käthe Kollwitz hätte Kluges Insistieren gefallen. Michael Zajonz

MUSIKTHEATER

Zerbrecht

eure Ketten!

Wenn es ernst wird, kneift er. Gerade noch feierte der Jüngling eine sexuelle Revolution. „Zerbrecht eure Ketten! Befreit die Wollust!“ krakeelt er, reißt sich demonstrativ die Kleider vom Leib und schwanzwedelt über die Bühne. Dann soll er verführt werden und flieht plötzlich vor dem eigenen Begehren. Die Frau, die den vermeintlichen Hedonisten beim Wort nehmen will, ist die Jazzsängerin Yelena Kuljic. Gerade ist sie als Don Giovanni in einem einsamen Hotel gestrandet, irgendwo in der ungarischen Puszta. Züge fahren in der Ferne vorbei. Selten halten sie und spülen neue Gäste in diesen Hort der Sehnsucht. Zehn Menschen warten hier. Vielleicht auf die Liebe.

Der Regisseur David Marton inszeniert Mozarts Oper in den Sophiensälen unkonventionell und genial auf allen Ebenen. Inhaltlich gestaltet er den Abend als ein zyklisches Spiel mit Rollen und Identitäten. Alle sind getrieben von Sehnsüchten und libidinösen Energien. Nie ist klar, wer hier wen verführt. Das Libretto von Da Ponte unterfüttert Marton mit Texten von Marquis de Sade, die Figur des Don Giovanni vertauscht er teilweise mit der seines Dieners Leporello. Ungewöhnlich ist auch die musikalische Umsetzung. Das Orchester wird auf drei Musiker (Piano, Violine, Gitarre) reduziert, die Sänger brillieren immer wieder mit einem weichen, tragfähigen Piano. Aus all dem entsteht ein betörender, polyphoner Abend, der konsequent dort endet, wo er begann. Menschen im Hotel fügen sich vertrauensvoll zu Paaren zusammen. Die Hoffnung stirbt nie und verhakt sich durch das tiefe Tremolo Kuljics in Ohr und Herz: „The only thing, you'll ever learn, is just to love and be loved in return.“ Kerstin Roose

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